Isolation und ihre Überwindung in Richtung Dazugehören

Isolation ist Folge von Körperbehinderung – wie Taub- oder Schwerhörigkeit (Nach der materialistischen Behindertenpädagogik ist Isolation der Kern von Behinderung.) – oder von Umgangsweisen zwischen Menschen. Das Wort kommt aus dem Italienischen isolare „isolieren“ und leitet sich von lateinisch insula „Insel“ her mit der ursprünglichen Bedeutung „zur Insel machen, etwas von allem anderen abtrennen“1. Diese Umgangsweise ist schmerzhaft und kann zu psychischen Schäden führen. Wie kann welche der beiden Formen überwunden werden?

Körperbehinderung

Behinderungsformen sind sehr unterschiedlich. Der Umgang mit Eingeschränktheit von den Sinnen Hören und Sehen ist eine faszinierende Angelegenheit! Viele Menschen möchten, wenn sie die Wahl hätten, lieber taub als blind werden. Das gehört zu unserer auf das Auge hin ausgerichteten Welt. Dass wir schon viel früher, nämlich im Mutterleib, hören, ist den meisten Menschen nicht bewusst. Sie begreifen nicht, dass Hören-Können mit den Menschen verbunden sein bedeutet. „Die Blinden sind getrennt von den Dingen, und die Gehörlosen sind getrennt von den Menschen.“2 Der Hörsinn ist auch nie ganz abstellbar. Selbst in einem ganz ruhigen Raum gibt es immer noch einen wenige Dezibel lauten Grundton. „0 dB ist nicht nichts, sondern die Hörschwelle.“ Flüstern ist unter 20 Dezibel Schallpegel.

Es ist immer wieder interessant, wie eine*r mit seiner Behinderung umgeht. Mitte letzten Jahres traf ich auf einer Tagung über Psychiatriemuseen im deutschsprachigen Raum (siehe letzten IRRTURM Nr. 26, S. 207) einen Schweizer Historiker mit Dr.-Titel, der ein Cochleaimplantat (CI) hatte. Dies ist eine Art „Hörgerät“. Es stimuliert den noch funktionierenden Hörnerv direkt. Der Teil, der auf den Kopf gesetzt wird, bleibt sichtbar als oval-runder schwarzer Plastikaufsatz. Eine Elektrode wird zur Cochlea (Hörschnecke im Innenohr) hingeleitet. Die Betroffenen hören nicht „normal“, sondern sie sind dann schwerhörig und müssen – oft mühsam – das Hören erlernen. Das CI ist in der Gehörlosencommunity recht umstritten (siehe Link unten).

Es ist oft sehr schön, dass die Technik weiterkommt und einzelne dann richtig etwas davon haben. Diese technischen Ermöglichungen von Freiheit/Befreiung aus der Isolation heraus finde ich wirklich sehr beeindruckend!! Ein Cochleaimplantat zu haben, sei laut diesem Schweizer zumeist ein sehr großer Gewinn gegenüber konventionellen Hörgeräten. Damit hat der Betroffene meist eine stark verbesserte Teilhabe am akustischen Leben. Bei diesem Schweizer hörte es sich an, als habe er erst spät sprechen gelernt. Es hörte sich nicht wie Stottern an, aber „anders“ war die Sprechweise auf jeden Fall.

Im letzten Sommer, nach dieser Tagung, sah ich einen 30-minütigen Dokumentarfilm darüber, wie eine junge Frau namens Natalie sich ein CI einsetzen ließ. Der Film hat mich s e h r berührt! An der Stelle, als Natalie aus der akustischen Isolation herausgeholt wurde, kamen mir die Tränen.

Psychische Beschädigung
Isolation ist auch eine Foltermethode. Diese Taktik wurde und wird weltweit in Gefängnissen eingesetzt. Als psychisch geschädigte Person kenne ich diese Umgehensweise leider gut aus meiner „normal funktionierenden“ Herkunftsfamilie. Dennoch oder gerade deshalb kenne ich sie so gut. Im Jahr 2005 habe ich eine Auflistung mit acht Unterdrückungsmechanismen übersetzt, die von der norwegischen Professorin Berit
Ås aufgestellt wurde (siehe S. Xx in diesem IRRTURM). Die erste Methode fand auf obiger Tagung statt:

1. Unsichtbar machen

Menschen, die nie gesehen werden und nie echtem Interesse begegnet sind, denen nie erlaubt wurde, ‚bemerkt‘ zu werden, fühlen sich unwichtig und unsicher. Wenn Frauen Unsichtbarmachen ausgesetzt sind, findet dies durch die Körpersprache anderer statt, Gesten oder das Fehlen von Gesten. Es kann schwer zu entdecken sein, aber es ist extrem verbreitet.“

Es wurde auf der Tagung an mir vorbei geguckt, als wäre ich nicht da. Auch in meiner Familien wurde schnell einmal strafend weggeguckt oder geschwiegen. Das ist entwicklungshemmend. Und da heraus hilft keine Technik.

Als Psychiatriebetroffene hat Isolation eine schlimme Erfahrungsqualität für mich. Sie fühlt sich ausweglos an, von mir alleine her nicht änderbar. Ich entkomme ihr nicht. Es bedarf viel Kraft, eine Isolationssituation zuerst einmal zu bemerken. Häufig erkenne ich sie erst später als solche. Sie auszuhalten und – auch im Nachhinein – zu benennen und damit offen zu machen, bedarf des Mutes.

Als Schizophrene bin ich ein sehr dünnhäutiger Mensch und sehr lärmempfindlich. Daher fühle ich häufig einen gewissen Neid, dass Hörgeräte/das CI ausgeschaltet werden können und mensch sich selbstbestimmt seine Ruhephasen holen kann. Das würde ich auch so gerne als Möglichkeit im Alltag haben! Für mich wäre es dann viel leichter, mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln in die Innenstadt zu fahren. Dies ist oft anstrengend für mich, obwohl die Fahrt nur circa 30 Minuten dauert. Solche Hörpause wäre dann selbstgewählt als Schutzmaßnahme.

Politisch ändern?

Körperbehinderte haben viel bessere Karten, weil in der Forschung und in der Entwicklung von Hilfsmitteln viel Geld investiert wird. Der Gebrauch von Hilfsmitteln ist heute in den Industrienationen verbreitet. Mensch sieht zunehmend Menschen mit allen möglichen Behinderungsformen, die sich mit Selbstbewusstsein im Alltag auf den Straßen bewegen – mit farbigen Gehstützen, Hörgeräten oder Rollis. Wenn Lifte oder Blindenleitspuren gebaut werden, sind diese physisch sichtbar und nachweisbar. Das ist gegenüber Wähler*innen gut.

Wir“ Psychiatriebetroffenen werden totgeschwiegen und schweigen uns häufig aus Angst auch selber tot. Eine ganz schwierige Kiste! Es steckt zwar sehr viel Geld in der Pharmaindustrie, jedoch deren Produkte führen zu Stilllegen unserer inneren Erlebnisbereiche und Schweigen.

Im Erlernen von Wertschätzender Kommunikation (Gewaltfreier Kommunikation) steckt nicht viel Geld, denn sie ist nicht sichtbar. Auch wir selbst müssen sie lernen bzw., üben. Außerdem müssen hierzu die Nichtbetroffenen bereit sein, etwas zu lernen. Das ist nicht beliebt. Es ist riesig aufwendig, Nichtbetroffene darüber so zu informieren, dass sie motiviert werden, ihre Einstellungen und ihr Verhalten zu ändern. Zwar werden Altenpfleger während ihrer Ausbildung zu 50 % in Psychologie und Soziologie gelehrt. Die anschließende Anwendung im Beruf ist damit nicht zwangsweise gesichert. Auch zu einer Haltung „Zuhause-sein-im-Fragen“ gehört Mut bei den Professionellen.

Bis „wir“ Psychiatriebetroffenen dazu gehören, sind noch viel Enttabuisierung und Verbesserung der psychosozialen Arbeit nötig. Ein guter Schritt in die richtige Richtung zum Dazugehören ist die langsam zunehmende Einbeziehung von Genesungsbegleiter*innen.


Heike Oldenburg

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Cochleaimplantat

http://laermberatung-wittstock.de/die-dezibelskala.html

http://rollingplanet.net/2013/01/22/cochlea-implantat-die-reparierten-kinder/

1Herkunftswörterbuch Band 7, Mannheim 21997, vor 1800

2Jürgen K.

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