holden/ Februar 5, 2017/ Artikel, holden/ 0Kommentare

Im Rahmen des Göttinger Psychoseseminares trat Annette Wilhelm im September 2007 im Gemeindehaus St. Michael in Göttingen auf. Obwohl alle 90 Stühle im Raum mit gewogenem Publikum besetzt waren, blieb der Rahmen gemütlich und überschaubar.

Annette Wilhelm stellt semi-professionelle Kleinkunst vor. „Wir beginnen mit einer Welturaufführung!“ kündigte sie als erstes selbstbewusst an. Den Beginn bildete eine 10-minütige Power-Point-Präsentation, die mit Musik ihres Bruders unterlegt war. Es wurden jeweils ein Bild und ein Gedicht von Annette Wilhelm nebeneinander an die Wand geworfen. Der Umschaltrhythmus war langsam genug, um Text und Bild in Ruhe aufzunehmen sowie auch noch den Zusammenhang der beiden zu erfühlen. Die Hintergrundmusik aus Didgeridoo, Saxophon und Schlaginstrument wirkte sehr beruhigend. Als Einstieg zum Ankommen in der Veranstaltung war diese Präsentation sehr gelungen und in keiner Sekunde langweilig.

Anschließend trat Annette Wilhelm im Talar mit weißen Handschuhen an das Mikrophon. Es schien mir etwas schwierig, dass sie versächlicht als „Diplom-Psychose“ auftrat. Es wird jedoch dabei die Krankheit als Person ausgedrückt, und sie ist als solche phänomenal. Im ersten Sprechgesang, einem von Annette Wilhelm umgetexteten Stück von Georg Kreisler, wurden verschiedene „-ticker“ aufgeführt und erklärt („Der Roman-ticker ist ein Frauengenießer.“), des weiteren „Vertei-ticker“, „Akadem-ticker“. Es wurde sehr viel gelacht.

Im folgenden Vortrag stellte Annette Wilhelm sich als „Dipl.-Psych.“, also Diplom-Psychose vor. Sie wisse mehr als Diplom-Psychologen und Psychiater. Sie erklärte Aufnahme- und Verarbeitungsprozesse am Tage durch die Augen, aber „nachts öffnen sich die Augen im Bauch“. Hier öffnete sie ihren schwarz bekleideten runden Bauch, auf dem eine liegende rote Acht mit zwei weißen innen Spiralen aufgemalt war. Sie erklärte: „Wenn Kopf und Bauch zu voll und unsortierbar werden, kann das verwirren. Wenn eine dann ungewöhnliche Dinge tut, dann fangen die Leute an mit Gucken!“ Anderssein, auffallen und zwar negativ – das kennt fast jede von uns. Was dann kommt, die sogenannte Hilfe – „Bären im Kittel“, Zwangsfixierung, Neuroleptika – führe dazu, dass „die Augen im Bauch weh tun“. Sie würden unterdrückt. Dorothea Buck wurde zitiert mit ihrem Wort „Zentralerleben“, welches sie selbst für eigenes erweitertes Begreifen kreiert hatte. Was nun zu lernen sei: das Seiltänzer-Dasein über dem Abgrund des Wahnsinns.

Nach einer kurzen Pause folgte der Vortrag „Die Diplompsychose und die Kunst“. Wieder wurden je ein Bild und ein Gedicht an die Wand geworfen. Nach Erklärungen wurde das Gedicht ruhig vorgelesen, sodass kein Überangebot und Unruhe beim Auswählen von Was-am-ehesten-aufnehmen-Wollen entstand. Es könne sogar Glücksmomente in einer Psychose geben, sie habe auch positive Seiten und helfe, bringe unerwartete, tiefere Erkenntnisse. Der Titel des dem Gedicht „Glück“ zugeordneten Bildes war: „Der Teufel ist immer und überall“. Vorsicht ist wohl doch immer angesagt.

Die erleichternde Lösung auf eine Krise sei: „Alles ist Kunst!“ (M. Duchamp). Indem wir unsere Wahrnehmungen und inneren Reaktionen darauf ohne Angst begreifen und neu sortieren, schaffen wir uns unsere eigene Welt. Wir brechen zugleich den Kokon der Einsamkeit durch Kunstproduktion und damit Mitteilung auf. „Die Kunst ist der einzige Ort, wo man verrückt sein darf, ohne dafür bestraft zu werden!“ (A. Wilhelm)

Die im Vortrag verwendeten Bilder (viele von 2006 und 2007) konnten im Anschluss bestellt werden. Tatsächlich wurde dieser Tisch mit den Vorlagen wild erstürmt. Das Publikum war begeistert, da alles „frisch“ und im Prozess, „aktuell“ wirkte.

Abschließend wurden noch literarische Texte verlesen, z.B. ein Kochrezept, das lautmalerisch sehr schön moduliert war. In ihm wurde der gesellschaftliche Prozess als Back-Tat dargestellt. Die Frage: „Ist die Realität nicht viel grausamer, als der Wahn es je sein könnte??“ wurde aufgeworfen. Weltkriege und der Holocaust wurden angeführt: „Aber, was ist Realität und macht diese überhaupt Sinn? Wo ist der Sinn einer vierzehnäugigen Fruchtfliege, eines geklonten Schafes, eines Brokkoli mit Schokoladengeschmack? Warum werde ich, wenn ich mich gegen meine Freundin wehre, weil ich nicht von ihr umarmt werden will, sie aber nicht von mir ablässt, wegen „Fremdgefährdung“ in die Psychiatrie eingewiesen, während das Erfinden einer Atombombe noch Bewunderung hervorruft!?“ Pornos würden an jeder Ecke verkauft, doch wer im Winter nackt durch die Stadt läuft als „normaler Irrer“, wird „gleich konfisziert“. Die Frage drängte sich auf: „Verdirbt er oder sie euch die Preise?!“ Würdevoll wurde der Ruf nach einer Zugabe mit einem tiefen Hutschwenken und „Tut mir leid, ich habe keine Zugabe!“ mit ruhigem, strahlendem Lächeln beantwortet, Abgang.

Diese junge Frau aus dem Süden unserer Republik wirkte so glücklich verarbeitet nach ihren Krisen, dass es sehr ermutigend war. Dass eine nach so etwas solch ein Wonneproppen sein kann…!! 1970 geboren, 1990 ein Psychologiestudium begonnen, 1991 zu Kunstgeschichte gewechselt, Theaterspielen begonnen. Später selbst psychiatrisch auffällig geworden, 2002 aus der Rehabilitation direkt in die Kabarettistin-Karriere gewechselt. Annette Wilhelm hat „nun endlich das Gefühl, dass ich psychisch Kranken wirklich helfen kann – indem ich sie zum Nachdenken und zum Lachen bringe!“ Diese Darbietung vermittelte einen absolut positiven Gesamteindruck. Der Gedanke, dass eine Psychose etwas Unbewältigbares sein könnte, keimte nie auch nur im Ansatz auf. In dieser schönen Form würde mensch sich das Thema auch im Fernsehen wünschen, z.B. bei Gerburg Jahnke, die regelmäßig „Ladies Night“ mit Kabarettistinnen auf WDR moderiert.

Annette Wilhelm tritt bundesweit auf. Ein Auftritt dauert zwischen 30 und 60 Minuten, Gage nach Absprache, zuzüglich Fahrtkosten und eventuell Übernachtung. Das Kabarett eignet sich hervorragend für Veranstaltungen jeder Art, z.B. Feste, Jubiläen, sonstige Feiern oder Seminare im psychosozialen Bereich, in Psychiatrischen Kliniken und Rehaeinrichtungen etc. Daneben kann ein „Improvisationskurs mit psychisch kranken Menschen“ gebucht werden. Tel.: 07223-30526, Mobil: 0162-8706175, Mail: Annette.Wilhelm@gmx.de , Homepage: www.psychiatrie-kabarett.de.vu

Heike Oldenburg

2007

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