Nicoleta Craita Ten’o – dankbar für ein Leben in Deutschland

Holden/ Februar 5, 2017/ Artikel, holden

Nicoleta Craita Ten’o, geboren im März 1983 in Galați, Rumänien, ist eine deutsch-rumänische Schriftstellerin. Sie besuchte sieben Jahre lang die Schule. 1989 mit 13 Jahren beendete sie diese abrupt: sie begann zu schweigen. Schizophrenie und Autismus wurden diagnostiziert. Bereits mit sieben Jahren hatte Nicoleta entschieden, ihr Wachstum zu bremsen. Es scheint gelungen zu sein, denn sie ist auch heute zart gebaut wie ein junges Mädchen.

Im April 2001 begann ihr Vater als Schiffbau-Ingenieur in Hamburg zu arbeiten. Nicoletas Mutter, ihre jüngere Schwester und sie kamen nach. Nicoletas Gesundheitszustand blieb unverändert. Die Familie blieb in Deutschland. Seit 2009 sprechen die Eltern nicht mehr miteinander. Im darauffolgenden Jahr gab die Familie die Betreuung für Nicoleta auf, sie sollte in ein Heim gehen. Glücklicherweise trauten ihre Freundinnen, die neue Betreuerin und die Psychiaterin Nicoleta zu, in eine eigene Wohnung zu ziehen – zusammen mit ihrer Katze Haruka. Mit der Wohnung in Bremen-Nord sind nun alle zufrieden. Dank der Trennung der Eltern und von ihnen hat Nicoleta „angefangen zu leben“. Es sei schwer, aber es gebe „viel Unterstützung, Anerkennung und Hilfe.“

Schreiben und Veröffentlichen

Im Jahr 2000 war Nicoletas erster rumänischsprachiger Gedichtband erschienen, zwei Jahre später ihr Debüt-Roman in Bukarest. Im Februar 2003 erschien der zweite Roman Rebel, für den sie den ersten Preis in ihrer Laufbahn erhielt. Im April 2010 veröffentlichte Nicoleta ihren ersten deutschsprachigen Lyrikband Haruka. Ohne zu sprechen, hatte sie sich innerhalb von zehn Jahren die deutsche Sprache angeeignet! Es folgten vier weitere Publikationen im Jahr 2011 und drei in 2012. Die Frauen des St. Petri Domes wurde im AAVAA-Verlag, das heißt als Taschenbuch, im Großschriftformat und als eBook, publiziert. Im Jahr 2012 gab es zwei weitere Preisverleihungen, unter anderem vom Deutschen Odd Fellow-Orden vom Freien Deutschen Autorenverband (FDA) den ersten Preis. Bei der Verleihung in Leipzig wurde ihr Text vorgelesen und Nicoleta nahm an ihrem 30. Geburtstag das Preisgeld und einen großen Blumenstrauß entgegen. Regelmäßig reicht sie auch Texte in der Buchzeitschrift IRRTURM, einem Projekt der Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V. in Bremen ein, in dem Menschen mit Krisenerfahrung publizieren. Der zweite Platz bei einem Wettbewerb 2013 beinhaltet, dass Nicoleta nun ihre eigene monatliche Kolumne in einem Onlinemagazin bekommen hat. Bei der Breminale 2013 hat ein Künstler ihre Beiträge vorgelesen.

Nicoleta schreibt ausschließlich über Frauenliebe. Frauen fühlt sie sich „sehr nah“. O-Ton Nicoleta: „Ich habe ebenfalls … aber darüber kann ich nicht sprechen, Dinge erlebt … Ich kann nur sagen, dass (…) in meinem Haushalt jeder Gegenstand, jeder Gedanke in meinem Kopf weiblich ist (…). Es ist erschreckend, in der Tat, dass so viele Mädchen solche schrecklichen Dinge erleben müssen …“

Können Nicoletas „bisherige Publikationen ohne Bedeutung“ und „nicht von Interesse für die Allgemeinheit“ sein, so ihre Befürchtung? Folgende Gründe machen ihr Werk bedeutend: Mindestens jedes dritte Mädchen erlebt sexualisierte und anderen Gewalt in ihrem Leben. Das Schweigen darüber wird zunehmend aufgebrochen. Nicoleta hat hier einen eigenen Weg gefunden, das Schweigen zu überwinden. Gesundheitsprobleme psychischer Art werden von mehreren Seiten als die „Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Überwindungsberichte sind immer wieder ermutigend. Es gibt neben zwei reinen Lesbenarchiven und drei reinen Lesben-Buchverlagen in Deutschland etliche gemischte Frauen- und Lesbenarchive sowie Frauenverlage, in denen diese Art von Literatur unterkommen kann. Nicht zuletzt sind literarisch interessierte Menschen begeistert von Nicoletas sinnenfreudigen Wortansammlungen.

Alltagsleben heute

Die stumme Autorin arbeitete bisher in der Tagesstätte Bremen Nord. Sie erledigte abwechselnd Hand- und Schreibarbeiten sowie Küchendienst. Nicoleta hat noch nie gegen normalen Lohn gearbeitet und bezieht Sozialhilfe, was ihr sehr unangenehm ist. Sie träumt davon, „irgendwann mal aus der Schriftstellerei leben zu können“. Dieser Traum sei unrealistisch, „doch die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Seit letzten Juni arbeitet Nicoleta in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)/ Martinshof in Vegesack. Sie war schon vorher „gespannt auf diese Herausforderung“. Im Bereich Berufsausbildung – Industriefertigung verpackt Nicoleta Zubehör, das in Baumärkten verkauft wird. Sie fühlt sich dort „wohl und gut aufgehoben.“

Nicoleta fühlt sich häufig nicht wert, „die Luft einzuatmen“. Erschütternd ist, wie sehr die Selbstsicht dieser so mutigen jungen Frau und die äußere wohlverdiente Anerkennung auseinander klaffen. Sie dürfte wirklich stolz sein. Sie hat Bewunderung und Zuneigung verdient. Weil sie nicht aufgegeben hat. Dafür, was sie schafft – will mensch das „Leistung“ nennen? Fürs preiswürdige Literatur-Erschaffen. Sie entwickelt sich in ihrem eigenen Tempo. Sie lässt sich so sein. Sie liebt die deutsche Sprache und „möchte nirgendwo lieber sein als hier.“ All das verdanke sie den Menschen, die „an [sie] geglaubt haben.“ Aber nicht nur – gehen muss jede von uns den Weg selbst.

Immerhin traut sich Nicoleta, mit Schriftlichem an die Öffentlichkeit zu gehen. Das finden sicher noch mehr Leute „stark“. Die vielen Preise zeigen es.

In der Weihnachtsstimmung von 2012 waren Nicoleta und ihre Freundinnen „sehr dankbar“ für ihr schönes Leben. Nicoleta bekommt jetzt „so viel Liebe wie noch nie zuvor.“ Sie ist gerne eine deutsche Bürgerin und sie ist ein begeisterter Politik-Fan. Sie hütet ein Bild mit Widmung von Frau Merkel auf ihrem Wohnzimmertisch. Nicoleta war glücklich, dieses Jahr erstmalig wählen zu dürfen!

Heike Oldenburg

August 2013 üa

Quellen:

Mailverkehr mit der Autorin

http://www.bptk.de/presse/

http://fixpoetry.com/feuilleton/fixative/2072.html

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