„Ich hatte immer das Gefühl, ich sei ein Nichts.“ – Vernachlässigung und Spätfolgen im Leben der Marilyn Monroe

Holden/ November 22, 2016/ Artikel, holden

„Der einzige Weg für mich, etwas zu sein, war der, dass ich – nun jemand anderes war. Wahrscheinlich wollte ich deshalb Schauspielerin werden.“ (M. Monroe)

Medikamentenabhängigkeit

Psychische Stresssituationen wirkten sich bei Marilyn Monroe schon in der Kindheit mit  Übelkeit, Erbrechen, Hautausschlag und Stottern aus. Ein Gefühl der Minderwertigkeit war von Anfang an allda in ihrem Leben. Das Stottern trat besonders seit der ersten Einweisung in ein Waisenhaus auf und wurde später verstärkt durch ihren Perfektionswahn und wachsende Versagens- und Verlustängste. Sie nahm dann immer höhere Dosen an Beruhigungspillen, was ihre psychische Labilität noch steigerte. Monroe hatte eine so genannte Schlafangst mit Einschlafstörungen – wiederum mit Beruhigungsmitteln gestillt und am nächsten Tag wiederum mit Aufputschmitteln zu bekämpfen.

Am 1. Juni 1926 wurde Monroe als drittes Kind mit dem Namen Norma Jeane Mortenson, getauft Baker, von Gladys Mortensen in Los Angeles geboren. Diese gab die Kinder ins Waisenhaus. Dort wurde sie „die Maus“ genannt und flüchtete sich in eine Traumwelt. Monroe fühlte sich später in den diversen Pflegefamilien sehr verloren, da die „Eltern“ oft nur am Pflegegeld interessiert waren. Mit 13 versuchte der Vater in einer dieser Familien, sie zu vergewaltigen.

Im Sommer 1941 beendete Monroe die Junior High School und heiratete ein Jahr später mit 16 den 20jährigen James Dougherty. 1946, im Jahr der Scheidung, gab es den ersten Vertrag mit der Filmgesellschaft Fox. Monroe änderte ihren Namen und ließ sich die Nase chirurgisch korrigieren, das Kinn mit Silikon aufpolstern, den Haaransatz zurückverlegen und die braunen Haare platinblond färben. Von 1950 bis 1955 spielte sie in 15 Filmen die Hauptrolle. Sie litt sehr unter der Festlegung auf die Rolle der dummen Blondine.

 

Mehr Männer und Therapie

1952 begann die Affäre und Kurzehe mit Joe DiMaggio, einem berühmten Baseballspieler. Es war „… wie eine verrückte, schwierige Freundschaft mit gewissen sexuellen Privilegien. Später erfuhr ich dann, dass die meisten Ehen so sind.“ (M. Monroe) Er blieb ihr immer ein treuer Freund.

1956 heiratete Monroe den Schriftsteller Arthur Miller. Eine Anekdote: Sie: „Stell dir unsere Kinder vor: mein Körper und dein Geist!“ Er: „Und wenn es nun genau umgekehrt kommt?!“ Ende 1958 erlitt sie ihre zweite Fehlgeburt, wohl aufgrund der vielen Beruhigungstabletten. Dies führte zu schweren Schuldgefühlen und Depression.

 

Im Frühjahr 1961, wieder im Jahre der Scheidung, begann Monroe eine Therapie bei dem Arzt und Psychiater Ralph Greenson. Obwohl sie weiterhin für Männer unwiderstehlich blieb und große Erfolge als Künstlerin feierte, wuchs ihr Medikamentenmissbrauch. 1962 hatte sie mit beiden Kennedy-Brüdern Beziehungen. Für den einen sang sie in einem durchsichtigen, mit 6.000 Perlen besetzten Seidenkleid, das ihr auf die Haut genäht werden musste: „Happy Birthday, Mr. President!“

Monroes Abhängigkeit von Medikamenten wurde auch von außen verstärkt, um sie als Patientin zu behalten. Sie hatte oft mehrstündige tägliche Therapiesitzungen. Im Sommer verreiste Greenson länger und verschrieb ihr Medikamente als Ersatz. Die Haushälterin Eunice Murray, gelernte Krankenpflegerin, war Tag und Nacht um sie.

 

Am 4. August 1962 starb Marilyn Monroe mit Mitte 30 an einer Überdosis des Barbiturats Nembutal und eines Schlafmittels. Es gab seinerzeit viele Gerüchte darüber, wer für ihren Tod verantwortlich sein könnte. Es wurde auch ein zufälliger Tod von eigener Hand vermutet bei dem Versuch, „sich von Schmerzen des Lebens vorübergehend zu retten.“ Die Ärzte erklärten den Todesfall Monroe sofort zum Selbstmord. Jedoch: Ein Teil des Chloralhydrat wurde ihr wohl rektal zugeführt. Die Haushälterin 1984 in einem BBC-Interview über diese letzte Nacht: „Ach, warum muss ich – in meinem Alter – immer noch diese Sache vertuschen?“ Monroes Ex-Mann DiMaggio richtete die Beerdigung unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus.

 

Vernachlässigung und Sex

Das häufige Plötzlich-an-einen-fremden-Ort-verfrachtet-Werden führte zu einer pathologisch verstärkten Unsicherheit. Monroe glaubte, dass Vertrauen total und Liebe bedingungslos sein müssten – eine unreife Vorstellung. Ein Arzt schrieb dazu: „Wenn du als Kind vernachlässigt wurdest, rennst du immer dein Leben lang jeder Anerkennung hinterher und bist nicht in der Lage, dich emotional voll zu binden.“

Zu Lebzeiten war Monroe ein Sexsymbol. Ein Schriftsteller über sie: „… (sie) vermittelte, Sex könnte schwierig und gefährlich mit anderen sein, aber wie Eiskrem mit ihr.“

 

Monroe setzte Sex zwanghaft ein, um kindliche Zuwendung und Wärme zu bekommen. Sie wurde erst durch die Erregung eines Mannes wirklich, eigene Lust war ausgeschlossen. Monroe bleichte sogar ihr Venushaar, um eine perfekte Blondine zu werden. Abschließend hier eine handgeschriebene Notiz von ihr, die im OP-Saal gefunden wurde: „Vor der Operation unbedingt lesen: Lieber Doktor, Schneiden Sie so wenig wie möglich. (…) – die Tatsache, dass ich eine Frau bin, ist wichtig und bedeutet mir viel. Erhalten Sie bitte (ich kann Sie nicht deutlich genug fragen), was Sie können – ich bin in Ihrer Hand. (…) um Himmels Willen Lieber Doktor keine Eileiter entfernen – bitte bitte tun Sie, was immer Sie können, um große Narben zu verhindern. Ich danke Ihnen mit meinem ganzen Herzen.“ (Unterstreichungen: M.M.; Übersetzung Holden)

Share this Post