MAKE 2007 THE YEAR OF MAD PRIDE! Macht 2007 zum Jahr des Stolz des Wahnsinns!

Im Juni 2007 fand in Dresden der Kongress der „Welt Psychiatrie Vereinigung“ (WPA) mit dem Thema „Zwangsbehandlung in der Psychiatrie: ein umfassender Überblick“1 statt. Erstmals waren Psychiatriebetroffene als ReferentInnen ins Programm eingebaut. Umgangssprache war Englisch.

Der Veranstaltungsort, das Kongresszentrum von Dresden, ist so hässlich, stimmungslos und kreativitätstötend, wie mensch es sich kaum schlimmer vorstellen könnte. In der großen Vorhalle standen drei Psychopharmakafirmen sowie der Tisch des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener (BPE), des „Europäischen Netzwerkes von Nutzern und Überlebenden der Psychiatrie“2 (ENUSP) mit Mind Freedom International (MFI) und der Tisch des Peter Lehmann Antipsychiatrieverlags.

Im einführenden Plenum sprach der Präsident der WPA sowie des Kongresses, Prof. Dr. Juan E. Mezzich aus New York, USA. Angenehmerweise hatte er in seiner PowerPointpräsentation Kunst als jedes zweite Dia thematisch passend integriert. Sein zentraler Wunsch: Wir wollen eine Psychiatrie für die und mit den Menschen aufbauen. Er benannte die Tatsache, dass die Lehrpläne für die Professionellen aus- bzw. umgebaut werden müssen sowie dass mensch eine kontext- und personenzentrierte Behandlungsweise entwickeln müsse. Als Grundprinzip müsse gelten: „Beschädige niemanden.“3

Bei mehreren ReferentInnen aus allen Lagern ging es thematisch um die Definitionsmacht sowie die Recovery-Bezogenheit, d.h. a) Wer legt mit welchen Bezeichnungen welches Machtverhältnis fest? und b) Mehr Gewicht sollte gelegt werden auf die Frage: Was macht Menschen gesund? Ein Londoner Psychiater will die Gesetze überarbeiten mit der Grundfrage: „Welche Gesetze würden wir machen, wenn wir alle unter Risiko fallen?“

In der Mittagspause gab es eine angenehme Überraschung: In unserem sehr hübschen Hostel in der Neustadt sind die Wände bunt und schön bemalt, alles ist sehr farbig, bis hin zur Bettwäsche. Dann besuchte ich die aktuelle Ausstellung über Schlaf und Traum im Deutschen Hygienemuseum besucht.

Am Abend gab es in einem ungemütlichen Raum in der Cityherberge ein Plenum zum Kongress-Thema. Sieben Größen aus der antipsychiatrischen Bewegung sprachen. Die interessanteste Bemerkung aus dem Publikum war: „PsychiaterInnen werden nicht dazu gezwungen, Zwang auszuüben!“

Donnerstag, der zweite Tag

Am Donnerstagvormittag war der große Saal VI gut besucht. In Judi Chamberlins Vortrag war die These, dass Sklaverei heutzutage überholt sei (Ist sie das wirklich??), und dass dies für „uns“ im 22. Jahrhundert vielleicht genauso sein könne. Wir haben das Recht, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Aus vielen Hilfsangeboten wollen wir auswählen oder sie insgesamt ablehnen können. Wir wollen die „Würde des Risikos“ für uns.4

Dann kam der bewegendste Teil des gesamten offiziellen Programms: Der Film über eine zwangssterilisierte Frau unter den Nationalsozialisten: die anwesende Dorothea Buck, eine 90-jährige Frau im Rollstuhl. In dem Film über ihr Lebensthema las Frau Buck einen vorbereiteten Text vor, der für das internationale Publikum englisch nachvertont war. An den Stellen mit Perspektivwechsel immer wieder ein kleines Lächeln auf diesem Gesicht. Trotz aller Konzentrationsnotwendigkeit wirkte der Film dadurch sehr ermutigend und kein bisschen ermüdend. Diese Frau hat sich nicht unterkriegen lassen durch die Geschichte, durch dieses fremdbestimmte Geschehen an ihr. Der Film war fast noch heiß vom Schnitttisch, das Abschlussdatum lag am 31. Mai 2007. Prof. Mezzich hatte extra eine Sitzung unterbrochen und war zur Filmvorführung geschlossen mit seinen KollegInnen erschienen. Er dankte Dorothea Buck persönlich im Anschluss und wiederholte seinen Wunsch nach einem Miteinander im Interesse der Menschen. Wie berührt er wirklich war, blieb mir verschlossen, aber es schien mir dennoch wie ein historischer Moment von Psychiatrieestablishment im Kontakt mit Psychiatriebetroffenen. Ich musste sehr weinen, auch deshalb, weil mir erstmals so richtig der Umfang dessen klar wurde, was ich elf Jahre zuvor getan hatte, als ich auf ebendiese Sichtweise auf uns als „Minderwertige“, „Nichtfähige“ zurückgriff, um darum zu bitten, mich anlässlich einer Abtreibung doch gleich mit zu sterilisieren. Diese Sichtweise auf „uns“ hatte 1933 bis 45 für viele Fremdbestimmung oder sogar den Tod bedeutet! Heutzutage konnte ich gegenüber einer Gynäkologin noch mühelos daran anknüpfen. Wobei ich es wollte.

Im Anschluss an diesen berührenden Film ging ich in einer historischen Tabakfabrik auf der anderen Seite der Bahnstrecke, dem Yenidze, essen. Diese Fabrik war um 1908 nach einem Grabmal eines Kalifen in Kairo mit weiß-braun gestreiftem Mauerwerk mit vielen kleinen Türmchen erbaut worden.

Im anschließenden Workshop „Eingeschränkt durch Bio-Psychiatrie – was NutzerInnen und Überlebende der Psychiatrie wirklich wollen“5 waren die ReferentInnen der Szene samt vertrautem Publikum fast unter sich. Für mich war es sehr spannend, hier alle Koryphäen der Bewegung aus der ganzen Welt auf einem Podium zu haben. Mensch stellte die Frage: „Warum sind wir unter uns?“ Für mich wäre die relevante Frage gewesen: „Wie können wir die Abwehr und Angst dieser Ärzteclique auflösen, damit sie sich überhaupt näher interessieren können?“ David Oaks, der Begründer von MFI, ist meiner Meinung nach auf dem richtigen Dampfer mit seiner Gummi-Nase (s. u.). Gerade dass es ihm verboten worden war, auf diesem Kongress seine Nase zum Quieken zu bringen, zeigt, wie richtig der Weg ist.

Nach meinem Kurzbesuch der wunderschönen, frisch wieder aufgebauten Frauenkirche wurde in der Cityherberge der Film vom Morgen über Dorothea Buck auf Deutsch gezeigt. Das Thema ist doch noch mal ganz anders zu verstehen, wenn frau es in der Muttersprache hört. Die Diskussion danach war so, dass ich gehen musste. Wie die kleinen Kinder, diese BPE´ler: Nein, mit Psychiatern wollen sie nicht politisch reden (von einer Mitgründerin des BPE! Wie damals in der Frauenbewegung: Mit den Männern reden wir nicht!), „Die geben nur Macht ab, wenn sie absolut müssen, sonst nicht!“ (dies von einem Mann!). Das ist Feindbild-Kreation und nicht die Ebene, auf der ich mich bewegen möchte. Ich empfinde es auch als konträr zu David Oaks´ Ansatz des Kommunikationsuchens.

Freitag, der dritte Tag

Am nächsten Morgen gab es eine sehr ungemütliche Begegnung mit der Firma „Bristol Myers Squibb“ mit dem Medikament „Abilify“, das seit drei Jahren auf dem Markt ist. Ich mir alles angesehen, ein paar Informationen eingesteckt, fragt sie mich doch unverfänglich, was ich denn in Berlin so mache? Ja, ich sei aus der Antipsychiatriebewegung, mit freundlichstem Gesicht. Da RISS mir diese Frau mit einer Verve diese Informationsblätter wie eine Glucke wieder aus der Hand! Fuhr mich an: „Dann darf ich Ihnen das nicht geben!“ Da wollte ich dann gar nichts mehr, gab auch alles andere aus Protest zurück! Was bildet diese Frau sich ein?! Glaubt sie, wir kämen an Informationen nicht auch so heran? Denkt sie uns alle als Nicht-NutzerInnen dieser Medikamente? (Wie David Oaks zuvor sagte: Wir sind nicht anti-Medikamente, wir sind für Freiheit bei der Entscheidung über die Einnahme!) Wenn das wirklich so gut ist, wie sie sagt, dann will ich es auch haben! So darf mensch doch Menschen nicht behandeln, so oder so. Feindbild auch hier. Ich fühlte mich so ausgegrenzt und sinnlos! Ich war so wütend!

Gut, so hatte ich ein umso besseres Gefühl dabei, mich nach Pirna-Sonnenstein abzusetzen. Dort wollte ich wegen Daniel Paul Schreber hin, dem berühmtesten Patienten dieses Hauses. Mir war allerdings nicht wirklich klar, was mir bevorsteht.

Diese erste „Königlich Sächsische Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein“ war 1811 eröffnet worden und hatte bis 1928 einen sehr fortschrittlichen Ruf. Das Ansehen im In- und Ausland sowie als Ausbildungsstätte für Ärzte war hoch. Nachdem ich die gewünschten Informationen zu Schreber hatte, ging ich weiter: 1904 wurde die „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet, die das Volk „erfolgreich“ aufschürte. Durch den Verlust von fast zwei Millionen „wertvollen“ Samenspendern im I. WK wurde die Furcht vor Entartung des deutschen Volkes noch mehr aufgeputscht. Im Jahre 1920 gab es eine Umfrage unter 200 Eltern und Vormündern von behinderten Kindern im Katharinenhof Großhennersdorf. Von 162 Antworten waren 73 % (!) für die Ermordung der eigenen Kinder aus rassehygienischen Gründen! Ab 1928 war Nitsche Direktor der Anstalt Sonnenstein. Auch hier gab es eine Begegnung mit Zwangssterilisation: Ab 1934 wurden die PatientInnen zur „freiwilligen“ Unterschrift unter die Zustimmung für ihre Sterilisation – zum Beispiel durch Urlaubssperre für die nichtsterilisierten „Minderwertigen“ – gedrängt. Von den interessantesten Opfern der im Keller Vergasten wurde das Gehirn zu Forschungszwecken entnommen und erst dann der Rest verbrannt!

Die Ausstellung befindet sich im Gebäude C 16, in dem in den Jahren 1940/41 die Nazimorde geschahen. Auf dem Weg dorthin geht es durch grünes Gelände mit vielen alten kleinen Bauten. Zwischen den Häusern ist gemütlich viel Abstand, wo sich sicherlich damals die PatientInnen gut die Beine vertreten konnten. Neben der Gedenkstätte wird von der AWO eine „Anerkannte Werkstatt für Behinderte“ betrieben. Die Behinderten, die dort arbeiten, dürfen sich jeden Tag in der Pause im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen führen, was mit ihnen vor gut 60 Jahren geschehen wäre. Sehr unangenehm!

Humor im Einsatz

Um 15 Uhr konnte ich, wieder im Kongresszentrum, vor unserem Büchertisch David Oaks in Aktion beobachten. Er spielte eine Szene mit Plastikhuhn und Nase für einen Fernsehjournalisten: Oaks fragte sein Gegenüber: „Oh, ich muss befürchten, dass Sie mit Normalität Kontakt gehabt haben! Ich muss Sie untersuchen!“ Dann ging er wie beim Flugzeug-Check-In mit dem Huhn an dem Körper des Betroffenen entlang und quiekte dabei die ganze Zeit aufgeregt mit der Nase. Plötzlich war er fertig und schrie laut: „Juchuuh, Sie Glücklicher! Sie sind frei von Normalität! Gratulation! Ich überreiche Ihnen hier eine Bestätigung!“ (frei übersetzt) Auf dem gelben Zettel steht: „Ich bin offiziell frei von Normalität!“6.

Im Nachhinein beschäftigt mich sehr negativ, dass die PsychiaterInnen aus aller Welt unter sich blieben. Dass an mir als sichtbar Behinderter auf der Straße oft aus Peinlichkeit vorbei geguckt wird, das kenne ich gut, aber hier in Dresden war die Qualität anders. Es geschah hier nicht aus Unsicherheit, sondern aus Ablehnung. Die Unsicherheit wirkt sich ungewollt auf der Straße auch als Ablehnung aus, und diese Ablehnung hier basiert auch auf Unsicherheit anderen Lebensweisen gegenüber. Aber eben auch auf Intoleranz anderen Lebensweisen gegenüber. Also ist es doch anders insofern. Diese Gefühle und Überlegungen haben mich als Betroffene in eine Sinnkrise gebracht: Wo kann mensch eingreifen? Wie viel Zweck hat es, sich noch einzubringen? Je abschließend beantwortbare Fragen?

Heike Oldenburg

1 Coercive Treatment in Psychiatry: a Comprehensive Review

2 European Network of Users and Survivors of Psychiatry

3 „Do no harm.“

4 Siehe für die über die Jahrhunderte schweigend Gemachten unter http://www.crassh.cam.ac.uk/fellowships/2004-6/hornsteinbibliography.pdf.

5 Banned by bio-psychiatry – what users and survivors of psychiatry really want

6 I am officially normality free!

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