Ein lang gehegter Wunsch erfüllt – Besuch der Prinzhornsammlung in Heidelberg

Hans Prinzhorn (1886-1933, Assistenzarzt und Kunsthistoriker) begann 1919 die Lehrsammlung in der Psychiatrie Heidelberg auszubauen und zu sortieren. Von 1850 bis 1930 wurden ca. 5.000 Werke von 435 Patienten-KünstlerInnen gesammelt. Prinzhorn publizierte 1922 ein nachhaltig berühmtes Buch: „Bildnerei der Geisteskranken“. Die Lehrsammlung reiste 1929 bis 33 international als Ausstellung. Ab 1938 wurden die Werke als pathologisches Belegmaterial instrumentalisiert. 18 Patienten-KünstlerInnen wurden ermordet. Erst 1973 wurde Ingrid Jadi Kustodin („Wächterin“) der Sammlung und sorgte wie eine „Prinzin“ für die Auferweckung der Sammlung aus dem Dornröschenschlaf. Ab 1978 waren die Kunstwerke wieder international unterwegs. Die VW-Stiftung stellte ab 1979 Mittel für die Restauration der Sammlung zur Verfügung.

Das Ausstellungsgebäude, ein umgebauter Hörsaal der einstigen neurologischen Klinik, wirkt sehr elitär auf mich. Schwarze edelste Sandsteintreppen, wie Marmor wirkend. Im großen, dunkelgrünen Raum dunkles Parkett, dunkle Holzbänke, edel hoch 18. Eine Galerie mit massiver Gusseisen-Empore mit 20 Stufen. Alles nicht berollbar. Dieser heutige äußere Rahmen steht doch in einem eklatanten Widerspruch zu den Bedingungen, unter denen die hier ausgestellte Kunst produziert wurde – weggesperrt und in Armut.

Beruhigend: Bis zur Kasse kommt mensch glatt durch. Hier kann ein Film angesehen werden. Aber weiter geht es nicht. Der Eintrittspreis beträgt 3 € für alle, keine Ermäßigung, nicht mal eine Begleitperson für Schwerbehinderte frei. Ein Scalamobil steht im Tiefparterre bereit, auf das mensch sich aus dem Rolli umsetzen kann. Dies war mir zwar vorher mitgeteilt geworden, aber: Die studentische Hilfskraft an der Kasse wusste nicht, wie damit umgehen. Gebrauchsanweisung auch nicht da. Zum Glück kann ich auch ohne Rollator gehen.

Von der Kunst her ist es dann doch sehr beeindruckend. Am spannendsten finde ich die Holzfiguren des Karl Genzel (1871-1925). Sogar seine Krankenakte ist zu sehen. Er schnitzte einen „Gebärenden Jesus“, circa 40 cm hoch. Dann die Holzschnitzerei einer knienden Kuh, Titel: „Kuh, auf katholisch gehend“. Eine kleine witzige Schnitzerei mit dem Titel „Hindenburg“ (um 1916) wirkt wie Spielzeug. Klar, dass Hitler so etwas entartet nannte, es widersprach doch zu sehr seinen Werten …

Im oberen Parterre gibt es rechts einen kleinen Seitenraum mit den 15 schönsten der insgesamt 187 Bildtafeln von hoher Qualität. In den Räumen nach links wird Normann Seibold, der Künstler der aktuellen, sehr farbenprächtigen Sonderausstellung vorgestellt. Sein Werk hat sehr plastische Strukturen. Nackte Gnome mit herausgestreckter Zunge und stehendem Penis kommen mehrfach vor – Bedeutung? Was hat der Künstler wohl für ein Selbstbild? Ich wundere mich …

Bevor wir wieder zum Eingang kommen, noch ein Blick in die riesigen Schübe des Schubladenvitrinenschrankes. Ich finde darin sehr interessante Bilder auch neueren Datums. Die Sammlung wächst trotz Platznot seit 1999 weiter. Ein psychiatrisierter Schotte z.B. sagte, sein Name sei „Hans Mercedes Frankfurt“, weil die Firma Mercedes ihm gehöre, und er sei Amerikaner. Er wollte aus Deutschland nicht weg. Doch von zu hause aus wurden nur 23 % der hiesigen Unterbringungskosten gezahlt. 2008 wurde er in sein Heimatland abgeschoben, dort müssen 100 % der Unterbringung vom Staat getragen werden. Seine Bilder haben sie hier behalten. Sie zeigen u.a. sehr feine, detailgetreue Mercedesabbildungen (mit rosa Filzstift!!).

Das angrenzende Café lädt zum Ausklingen-lassen ein. Eine gut nutzbare Rolli-Toilette ist vorhanden. Zum Bahnhof zurück dauert es zu Fuß nur eine halbe Stunde.

Heike Oldenburg,

Sammlung Prinzhorn, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg, Voßstr. 2, 69115 Heidelberg, Tel.: 06221-564492, www.prinzhorn.uni-hd.de.

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