Warum Ärzt*innen in Großbritannien „Soziale Rezepte“ sparsam austeilen, um psychosoziale Gesundheitsprobleme zu behandeln

CBC Radio · 27. März 2018

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Ärzt*innen in Großbritannien behandeln Patient*innen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen ein bisschen anders als die meisten. Sie verschreiben Kunstkurse, Gartenclubs und Strickzirkel. (pixabay.com)

Familienärzte in Großbritannien verschreiben immer häufiger Kunstkurse, Gartenclubs und Walking-Kurse für Patientinnen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen – als eine Alternative zu Medikamenten. 

Diese Tätigkeit, bekannt als „Soziale Rezepte ausstellen“, wird vom britischen National Health Service or NHS als kassenzugelassen behandelt und richtet sich an Menschen mit als mild oder gering beschriebenen psychosozialen Gesundheitsproblemen.

„Was wir hier sehen, sind nicht-medizinische Lösungswege – wo diese angebracht erscheinen – für Menschen, die oft umgestaltender/umformender/hilfreicher sein können als einfach nur Medikamente zu verschreiben, was häufig nicht an die Wurzel des Übels heran reicht,“ sagt Marie Polley, Gründerin des Soziale Rezepte-Netzwerk (Social Prescribing Network), einer Gruppe von professionell Tätigen im Gesundheitsfeld, die diese Methode anwenden.

„Innerhalb des NHS gibt es viele Hausärzte, die erkennen, dass viele Menschen immer wieder und wieder und wieder zu ihnen kommen und dass das, was sie verschreiben, nicht so wirkt wie gewünscht.“

Normalerweise wird der Patient in das Aussuchen der passenden Aktivität mit einbezogen, erzählt sie weiter.

„Manchmal sind es kreative Gruppen, wo Menschen gemeinsam stricken oder Dinge zusammen kreativ gestalten, weil dies ein Weg ist, sich ohne Worte auszudrücken, wenn Sprechen nichts nützt“, sagt Polley.

Debs Tayor erzählt, dass sie, als ein Arzt ihr Kunstkurse verschrieben hatte, um ihre Depression zu heilen, sie einen Sinn im Leben fand. Sie ist nicht mehr auf Medikation angewiesen. 

„Es kann auch etwas anders hilfreich sein, zum Beispiel auf die sozialen Bedürfnisse zu gucken. Es könnte einer Person helfen, ihren Lebenslauf auf den aktuellen Stand zu bringen, einen Weg zu finden, wie sie sich wieder neu mit Computern zurecht findet sowie eine Bewerbung erfolgreich abzuschicken, sodass diese Person wieder ein Erwerbsarbeitsverhältnis aufnehmen kann und damit erneut Sinn und Erfüllung findet.“

Wie Erfolg aussieht

Beweise über den Nutzen dieser Methode gibt es kaum, jedoch in Einzelfällen sehr wohl. Polley beschreibt, dass es betroffenen Teilnehmerinnen im Großen und Ganzen deutlich besser geht.

Die Methode beeinflusst, welchen weiteren Entwicklungsweg eine Person verfolgt und wie verbunden sie mit anderen Menschen ist, ergänzt sie.

„Wir ermessen das Wohlgefühl als ein Anzeichen von positiver Veränderung.“ 

Nach Polleys Aussage hat einen wesentlichen Anteil daran, dass „Soziale Rezepte ausstellen“ nützt, die Patientin/den Patienten mit einer Sozialarbeiterin (link worker) zusammenzuführen, die keine klinische Ausbildung hat, jedoch ein gutes Händchen für den Umgang mit Menschen und die sich in dem örtlichen sozialen Umfeld und mit Freiwilligen gut auskennt.

„Sie können bei Bedarf einen Menschen eine Weile auf ihrem/seinem Weg begleiten. Sie können zuhören, sie können Vertrauen aufbauen und Empathie vermitteln. Sie können, ganz praktisch, helfen, die eine oder andere Barriere auf dem weiteren Weg abzubauen“, erzählt Polley der Journalistin Anna Maria Tremonti von The Current’s.

Eine intuitive Herangehensweise

Dr. Gary Bloch, ein Familienarzt am St. Michael’s Hospital, sagt, dass die Herangehensweise eher intuitiv sei. 

„Es macht einfach Sinn, dass Menschen sich besser einstellen auf soziales Verbunden sein als einen Kernbereich ihrer psychosozialen Gesundheitspflege.“

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Dr. Gary Bloch ist Arzt im St. Michael’s Hospital, wo Ärztinnen das Armut-Erfassungs-Instrument (poverty screening tool) benutzt haben. (Vorgeschlagen von Gary Bloch)

Auf seiner Erfahrung beruhend, sagt er, zuallererst auf die sozialen Bedürfnisse eines Patienten einzugehen, hat den größten Einfluss. Zum Beispiel haben sie Mitarbeiterinnen im Team, die sich mit Einkommenssicherheit gut auskennen.

Wenn einer seiner Patienten in Armut zu leben scheint, schickt Bloch diese Person zu einem solchen Spezialisten.

„Unsere Einkommenssicherheit-Förderer geht mit diesen Patienten systematisch durch, wo sie wie auf welche Unterstützung zugreifen können, um ihre Schulden zu reduzieren und um erlernen zu können, wie sie in Zukunft besser mit ihren Finanzen klarkommen.“

„Daneben arbeiten wir jetzt mit einem durch Prozesskostenhilfe geförderten Anwalt zusammen, um rechtliche Probleme zu klären. Falls ich bemerke, dass jemand irgendwelche rechtlichen Sorgen welcher Art auch immer hat – und diese können sich sehr weit erstrecken, von häuslicher Gewalt über Familienangelegenheiten und bis hin zu kriminellen Belangen –, dann kann ich diese Menschen direkt zu dem entsprechenden Mitarbeiter in unserem Team verweisen.“

Bloch ist sehr daran interessiert, ein ähnliches Bezugssystem in Kanada in Anwendung zu erleben. 

„Ich denke, dass die Arbeit in Großbritannien gezeigt hat, dass es höchstwahrscheinlich eine sehr positive Auswirkung auf die Gesamtgesundheit haben wird, die sich in Verringerung von Notfallarztbesuchen sowie in Abnahme von Besuchen beim Familienarzt ausdrücken wird.“

Jedoch fügt er hinzu: „Es wird die Regierung einen ziemlich großen Vertrauensvorschuss kosten, diese Angelegenheit zu fördern, es auszuprobieren und zu schauen, wie es läuft.“ 

Produziert von The Current’s Jessica Linzey.

Übersetzt: Heike Oldenburg, Mai 2018

Quelle:

http://www.cbc.ca/radio/thecurrent/the-current-for-march-27-2018-1.4594705/why-u-k-doctors-are-doling-out-social-prescriptions-to-treat-mental-health-1.4594830 

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