Therapeutisches Nähen in Berlin und Bremen

Wenn eine sehr gut nähen kann, dann kann sie sich modische Kleidung selbst herstellen oder bei Bedarf Gekauftes kürzen oder anderweitig umnähen. Meine Mutter, die in der Schule Textiles Gestalten unterrichtete, hat sich und uns drei Mädchen zum Beispiel einmal aus demselben Stoff mit rot-und-weiß-großblumigem Muster Kleider genäht, so dass wir als Quartett auftreten konnten.

Nun kann Nähen aber auch in anderen Kontexten produktiv genutzt werden. Es wird heute in Werkstätten für behinderte Menschen und einigen wenigen Rehabilitationsstätten in heilender Weise eingesetzt. Die Arbeit wirkt zugleich Sinn gebend und baut das Selbstwertgefühl auf. Das Nähen ist dann nicht therapeutisch im engeren Sinne, sondern eher im gesundheitsfördernden Sinne. Das ist ein anderer Zugang zur Psyche des Menschen als eine Gesprächstherapie, aber bei manchen Menschen sogar wirksamer.

Rehabilitationsstätte Frohnau, Berlin

Bei meiner eigenen Rehabilitation im Jahre 2002 hatte ich das Glück, in die Rehabilitationsstätte der Fürst Donnersmarck Stiftung in Frohnau zu kommen, wo es eine Textilwerkstatt gibt. Dort gibt es acht Plätze und zwei Ergotherapeutinnen, die die Patient*innen begleiten. Die erste herzustellende Arbeit ist immer für die Patient*innen selbst. Danach wird für den Verkauf im Haus auf Festen oder für Aufträge von außen gearbeitet. Externe Aufträge werden nach dem Prinzip „Lieber langsam, das Tempo kommt von alleine“ angenommen, also immer ohne Zeitdruck, denn: „Wir dürfen uns hier ausprobieren.“ (beides O-Ton Adelheid Blomberg)

Weiterhin hatte ich das Glück, dass ich zwei Dinge für den Eigengebrauch produzieren durfte. Zuerst nähte ich etwas sehr Zeitaufwändiges: eine 30 cm hohe Puppe, die aus lauter 2 cm großen Stoffplättchen aus vielen verschiedenen Farben und Materialien bestand, welche auf miteinander verknüpfte Fäden gezogen wurden. Der Kopf wurde extra genäht und bestickt, dann die beiden Kaspermützen-ähnlichen Spitzen mit Glöckchen versehen und auf den Kopf angenäht. Als nächstes nähte ich aus einer knallbunten sowie einer gelben Wachstischdecke einen kleinen Seesack, den ich noch heute auf meinen Reisen benutze. Wenn ich mich richtig erinnere, war meine Rehabilitationszeit dann vorbei.

Werkstätten für behinderte Menschen/Zuverdienst

Sowohl Körper- als auch Psychisch behinderte Menschen sind auf dem normalen Erwerbsarbeitsmarkt oft stigmatisiert und unter den Leistungsdruckbedingungen häufig schwerlich arbeitsfähig. Schonräume wie Werkstätten für behinderte Menschen oder Zuverdienst wirkt trennend und nicht-inklusiv. Sie sind aber besser als gar keine Möglichkeit zu arbeiten. Mensch muss die Möglichkeiten, die sich eine*r bieten, trotz aller Beschränkung für sich zu nutzen wissen.

In Berlin gibt es in Werkstätten für behinderte Menschen sowie im Zuverdienst (Beschäftigung für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen) und in Tagesstätten (Tagesaufenthalt für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen mit Café-Charakter) Möglichkeiten, sich mit Nadel und Faden zu beschäftigen. In Spandau gibt es ein bei beiden Geschlechtern sehr gefragtes Nähprojekt im Rahmen des Zuverdienstes, im Berliner Norden bietet der Träger Albatros eine Nähwerkstatt. Alle Berliner Möglichkeiten zum Nähen für behinderte Menschen aller Arten zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Daher gehe ich genauer auf die für mich näherliegende Bremer Situation ein.

Der Martinshof ist der größte und bekannteste Teilbereich der „Werkstatt Bremen“, einem Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen. Seine Werkstätten für behinderte Menschen haben den Schwerpunkt auf der beruflichen Rehabilitation. Seit 1987 wurden diverse Kleinwerkstätten für Menschen mit psychischen Behinderungen aufgebaut. Übrigens: „In der Werkstatt arbeiten wir alle zusammen, es gibt keine Unterteilung, überhaupt nicht, weder was die Art der Behinderung noch was das Alter angeht.“ (eine Mitarbeiterin aus einer Werkstätte in Bremen Nord)

Eine davon ist die Nähwerkstatt in der Hindenburgstraße in Lesum. Vier Gruppenleiter begleiten 48 Mitarbeiter*innen durch den Arbeitstag. Dieser dauert mit mehreren Pausen von 8 bis 16.50 Uhr, freitags bis circa 13 Uhr. Es werden für Firmen Waren verpackt, Lohnfertigung und Hauswirtschaft werden angeboten. Darüber hinaus werden Manschetten an der Nähmaschine hergestellt sowie Kissenhüllen, Handtücher mit Waffelmuster und anderes gewebt. Keine*r der Mitarbeiter*innen muss den ganzen Tag dasselbe tun, wenn es ihr/ihm schlecht damit geht. Das ist viel wert. Eine der Mitarbeiterinnen, die hier wie alle ihre Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) aufstockt, sagt über ihre Tätigkeit – Wollfäden knoten, für die sie feine Finger und Ausdauer benötigt: „Es ist wie Meditation. Man wird ganz ruhig dabei.“

Tagesstätten in Bremen

Vier von fünf Tagesstätten in der Stadt haben ein Nähangebot. In der Textilwerkstatt in der Villa Wisch im Osten der Stadt kann mensch wie in Lesum als 1€-Jobber*in unter Anleitung von einer Ergotherapeutin und einer Schneiderin die Sozialhilfe aufbessern. Von 9-14h werden insbesondere Taschen mit Einzelstückdesign erarbeitet. Gegen Materialkosten und Spende kann jede*r kaputte Kleidung reparieren lassen.

Letzteres gilt auch für das Wichernhaus (Innere Mission, IM) in Mitte. Hier repariert eine Kollegin des Hauses gegen Spüende Kleinstaufträge für Einzelpersonen. Das Wichernhaus kooperiert mit dem Nähatelier „Nahtstelle“ (IM), in dem eine Schneiderin mit Ehrenamtlichen für Basare und den hauseigenen Laden „BemerkensWert!“ schöne Accessoires, Taschen et cetera herstellt. In der Tagesstätte Nord gibt es seit sechs Jahren eine stabile, verbindliche Nähgruppe mit acht Frauen, die Deko-Herzen, -Eulen, -Schmetterlinge und anderes herstellen. Diese „Stich für Stich mit Herzblut“ gefertigten Stücke werden auf Basaren verkauft. Eine Aufwandsentschädigung wird auch hier gezahlt.

Im Westen Bremens gibt es im Café Klatsch im ersten Stock ebenfalls eine Nähwerkstatt. Seit 31 Jahren (!) nutzen 13 Frauen abwechselnd in fünf Vormittagsschichten und drei Nachmittagsschichten sieben Nähmaschinen-Arbeitsplätze. Eine Begleiter-Stelle teilen sich eine Ergotherapeutin und Schneiderin (= Idealbesetzung) sowie eine Modedesignerin. Es werden Patchwork-Decken, Türstopper und Taschen hergestellt. Alle zusammen können „frei vor [sich] hinarbeiten“. Auch hier wird auf Sommerfesten sowie einmal im Jahr im Bremer Kontorhaus verkauft. Aufträge von den darüber entstandenen Kontakten werden gerne angenommen, dauern jedoch oft etwas länger in der Ausführung.

Auf meine Frage an die Betroffenen, was ihnen der Arbeitsplatz bedeutet, kommt erst scheu, dann doch sprudelnd von einer der Näherinnen eine alles umfassende und deutliche Aussage, die nicht ergänzt zu werden braucht: „Ich komme her, um Tagesstruktur zu haben. Ja, das ist doch was! Dass man weiß, dass man zur Arbeit geht. Und dass man unter Menschen kommt. Und hier sind ja auch alles Betroffene, dass man sich austauschen kann. Und man freut sich, dass man was geschafft hat – freut sich riesig!“

Resümee

Abschließend bleibt festzuhalten, dass für Körperbehinderte und Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen der geschützte Arbeitsplatz als außerordentlich wichtig betrachtet werden muss und für das eigene Wohlbefinden förderlich. Das sinnvolle Tun ohne Leistungsdruck (!) und Eingebunden-Sein in vertraute Kontakte ist zuträglich für die Gesundheit der Teilnehmenden. Sie merken auch, wie förderlich es ist, unter Gleichartigen, also Peers zu sein, sich verstanden und in diesem Zusammenhang aufgehoben zu fühlen. Gut ist auch, dass professionelle Mitarbeiter*innen umsichtig auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Betroffenen schauen und mit ihnen an der bestmöglichen Wiederherstellung oder Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, also Recovery-orientiert arbeiten.

Für das materielle Wohlbefinden kann diese kleine Ergänzung des Einkommens nicht schaden, denn die meisten dieser Betroffenen leben von geringer Rente oder Sozialhilfe. So gering das Zubrot auch sein mag, ist es doch eine spürbare Hilfe im Alltag. Für andere Betroffene ist es eine große Hilfe, wenn sie kleine Änderungsarbeiten nicht in eine teure Schneiderei geben müssen, die kostendeckend zu arbeiten gezwungen ist.

Auch wenn überwiegend auf Basaren verkauft wird, so bedeutet diese Tätigkeit doch einen Beitrag zur Verschönerung des Lebens vieler Menschen – für die Herstellenden wie für die Kaufenden, die die Produkte vielleicht nicht nur behalten mögen, sondern sicherlich auch gerne verschenken. Die Betroffenen wirken so im Rahmen ihrer Möglichkeiten an der Verschönerung und Bereicherung der Welt mit.

Heike Oldenburg

Mai 2015

Quellen:

www.werkstatt-bremen.de

www.weser-kurier.de, Ein Arbeitstag in der Werkstatt, 5.02.2015

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