Das Sozialistische Patienten Kollektiv Heidelberg – die Schlagzeile „Irre ans Gewehr“ war erfunden

Rezension des Buches „»Wir wollten ins Verderben rennen«, …“ von Christian Pross

Ich bevorzuge den Streit der Welt – und die Liebe.

Lebendig leben mit begründeter Verzweiflung

und mit begründeter Hoffnung.

Wolf Biermann

Wie gelingt es, die Welt zu verändern? Das haben sich über die Jahrtausende schon viele Menschen immer wieder neu gefragt. Das Sozialistische Patienten Kollektiv Heidelberg (SPK) ist heute vielleicht nicht mehr sonderlich aufregend. Hier wurde der Versuch unternommen, psychosoziale Begleitung von Studierenden und anderen in Krisen befindlichen Menschen mit marxistischem Gedankengut zu verbinden und so ein Modell für „eine neue Welt“ zu leben, beziehungsweise als Fernziel die Aufhebung unserer krankmachenden Konsumgesellschaft in Gang zu setzen. Aber wie Menschen, die gesellschaftliche Verhältnisse ändern wollen, immer wieder zu Gewaltmitteln gegriffen haben und es heute noch tun (Revolutionen, Revolten …), kann am SPK beispielhaft nachverfolgt werden. Zum Glück bin ich Pazifistin. Aber den starken Drang, die Verhältnisse zu mehr Mitmenschlichkeit hin ändern zu wollen, habe ich auch, so wie die meisten Jugendlichen, viele Junggebliebene und Idealist*innen. Aus dem Umfeld des SPK sind nach meinem Eindruck später auffällig viele Personen in Leitungspositionen zu finden1. Es scheint, dass sie der Drang, etwas ändern zu wollen und die Erwartung, es auch zu können, in hohe Positionen mit Entscheidungsbefugnis führte.

Der Autor Christian Pross, heute Prof. Dr. med., Forscher, langjähriger Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer, Supervisor, war anfangs an den Ereignissen um das SPK in einem angegliederten Gebäude der Universität Heidelberg beteiligt. Er hatte 1968 nach dem Zivildienst in einer Nervenheilanstalt, nachhaltig negativ beeindruckt, ein Medizinstudium aufgenommen. Die Studentenbewegung war „wie eine Offenbarung“ für ihn (S. 19)2. Er hat also hier, unter Mitarbeit zweier sehr viel jüngerer Mitarbeiterinnen, Fragen aus seiner eigenen Lebensgeschichte aufgearbeitet. Warum er solch ein negatives Zitat aus dem Gesamtkontext als Titel wählen musste, erschließt sich mir nicht.

Das 500 Seiten starke, sehr übersichtlich strukturierte Buch enthält neben vielen abgebildeten Zeitdokumenten und Fotos außerordentlich viele Fußnoten. Der Anhang ist fast 80 Seiten lang, inklusive „Informationen zu den Zeitzeugen“ sowie „aus Archivakten“. Es wurden 65 Zeitzeug*innen befragt sowie Verfassungsschutzberichte ausgewertet.

Innerhalb der Psychiatriereform sei die Geschichte um das SPK herum eine der schwierigsten Phasen gewesen (Vorwort Dörner). Gerade in Heidelberg habe es eine aufkeimende Sozialpsychiatrie unter dem jüdischen Direktor Prof. Dr. Werner Ritter von Baeyer gegeben: die erste offene Station sowie erste gemischtgeschlechtliche Stationen in der Bundesrepublik, Entfernung der Gitter, erste therapeutische Teams. Für positive Entwicklungen in der Psychiatrie sind „wesentliche Impulse“3 von von Baeyer ausgegangen.

Das SPK bestand von Februar 1970 bis Juli 1971, also 17 Monate lang.4 Von anfänglich 50 Patient*innen wuchs die Zahl der Behandelten und Aktiven um das Zehnfache, die Zahlenangaben waren unterschiedlich. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf dem Innenleben der Gruppe des SPK. Der untersuchte Zeitraum schließt Vor- und Nachlauf von 1964 bis 1980 ein, beginnend mit Hubers Eintritt in die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg als Assistenzarzt.5 Laut Kolleg*innen hatte er „ein Urmißtrauen gegen sich selbst“ (S. 57), sei aber extrem aufopferungsbereit und einfühlsam gewesen. Das haben auch Patient*innen bestätigt, sie haben ihn als sehr hilfreich und auf Augenhöhe empfunden. Das SPK wurde von vielen, neben allen Vorbehalten, als „Zuflucht und Rettungsanker“ (S. 203) erlebt: „Also die Gruppe, das war eben für mich wie die Luft zum Atmen“ (S. 252). Dabei hatte Huber auch sexuelle Kontakte mit Patientinnen6. Huber hatte keine Supervision. Mit „seiner Wortradikalität [habe er] Angst erzeugt“ (S. 334). Er habe sich selbst völlig überschätzt. Aufgrund seiner eigenen Berufserfahrungen weiß Pross inzwischen: „Überengagement, Überidentifikation und Verstrickung mit den Patienten, Verlust der professionellen Distanz und Grenzüberschreitungen sind in der Arbeit mit psychisch Kranken keine Seltenheit.“ (S. 23)

Ein haltgebendes Setting habe gefehlt. Überwiegend unerfahrene Laientherapeut*innen haben „Patienten mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern“ (S. 278) zusammen therapiert. Heute gibt es getrennte Selbsthilfegruppen für Schizophrene, Borderliner*innen und Depressive. Die Erlebnisqualität der einzelnen Erscheinungsbilder von Krisen können von Menschen mit anderen Erscheinungsbildern schwer nachvollzogen werden. Daher bildet sich in diagnostisch gemischten Gruppen schwerer ein Zusammenhalt. Gruppentherapie-Konzepte gab es damals noch kaum. Insofern war das SPK ein Vorläufer, ein Experiment. Hier entstand ein Möglichkeitsraum, innerhalb dessen sich alle frei entfalten und – auch für sich selbst – etwas ganz Neues mit entwickeln konnten. Die eigenen Grenzen beim (Aus-)Probieren sind während eines so mitreißenden Prozesses schwer auszuloten. Jedenfalls machten die Beteiligten eine außergewöhnliche Erfahrung von Freiheit, die sie in ihr späteres Leben mitnehmen konnten. Eine solche Erfahrung im politischen Bereich durfte ich im Wintersemester 1988/89 miterleben, als an der Freien Universität (FU) Berlin die Student*innen gestreikt haben. Dies war sehr viel aufregender und freiheitserlaubender als die strukturiertere Gruppensituation in der „Psychologischen Arbeitsgruppe“, meiner Jugend-, später Frauen- und Großen Gruppe von 1978 bis circa 1983 (angeleitet von einer älteren Krankenschwester, Lehrerin und Psychologin; sie zerfiel erst 1992/3).

Dass alle Anwesenden halb-ängstlich auf eine halb-Guru-hafte Person im Hintergrund lauschen beziehungsweise ihre Ohren – und leider zum Teil auch ihre Äußerungen – auf diese Person hin ausgerichtet haben, kenne ich aus dieser Arbeitsgruppenerfahrung selbst gut. Daher hat das Kapitel „8.1 »Leitfigur« oder »Guru« Dr. Huber“ (S. 8) mich auch am stärksten innerlich betroffen, in fast beängstigender Weise. Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich in dieser „Psychologischen Arbeitsgruppe“, trotz aller Bravheit und Abhängigkeiten, gute und wichtige Grundlagen für mein ganzes weiteres Leben gelernt habe. Was jeder Mensch aus solch gemeinsamem Such-Prozess späterhin für sich machen kann, hängt von jede*m einzelnen ab. Auch innerhalb einer Gruppe ist mensch ganz allein und für sich verantwortlich. Drei Personen zogen im SPK klar eine Grenze für sich, als sie die gehorteten Waffen entdeckten, einer weiteren reichte die zunehmende sprachliche Radikalität, um auszutreten (siehe Personenregister, S. 457-461).7

Heute taucht das SPK in den Medien nur noch im Zusammenhang mit Jahrestagen von RAF8-Anschlägen auf. Nicht nur bei Aust9 gibt es „diesen verengten Blick auf das SPK“ (S. 18), diese Reduzierung auf „Rekrutenschmiede für die RAF“, sondern leider auch in seriösen Publikationen. Die Verfassungsschutzberichte seit der Zeit tendieren ebenfalls dorthin. Veränderungsversuche vom politisch linken Lager sind nicht beliebt und für konservativ eingestellte Menschen eher beängstigend. Der Staatsapparat hat seinerzeit stark überreagiert. Das bereits vorhandene Vorurteil, dass Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen latent gewalttätig seien, konnte aufgegriffen und weiter verbreitet beziehungsweise missbraucht werden.

Unter den insgesamt elf Mitgliedern des SPK, die zur RAF gingen – sechs davon erst in den Jahren NACH Auflösung des SPK! – ist „kein einziger der ernsthaft psychisch Kranken aus dem SPK“ (S. 389). Nur zwei von Hubers Stammpatient*innen wurden für die RAF aktiv. Die anderen Neun waren psychisch stabil und waren erst später zum SPK hinzugekommen. Das SPK hat bis zuletzt auf gewaltfreiem Wege und mit juristischen Mitteln versucht, weiter zu bestehen.10 Mit dem Urteil vom 13. Mai 1971 war dieses Ziel klar verfehlt. Das Spannungsfeld „Änderungswünsche gegenüber Radikalismus“ verschob sich ab sofort zum Radikalismus hin. Die wenigen militanten Aktionen aus dem inneren Kreis heraus (16 Personen) wurden medial völlig überzogen und mit Vorurteilen gespickt dargestellt. Wirklich gescheitert sei das SPK an mangelnder „Muße“ (S. 342) zum Nachdenken über Geschehenes und das Wie-Weiter, am Festhängen in Aktionismus und am Grundzustand des „in einem ständigen Zustand der Hysterie“-Lebens (S. 357).

Beim Lesen schwankte ich zwischen: „Der Autor übertreibt s aber mit seiner Detail-besessenen Genauigkeit – wozu das alles?!“ und der mich doch immer wieder fesselnden Einbettung von Fakten und Erkenntnissen in diverse Hintergründe. Gehört in jede wissenschaftliche sowie Stadtbibliothek! Der Forscher führt erfolgreich den Nachweis, dass Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen NICHT an sich gewalttätig sind und auch NICHT verführt wurden! Mit dieser wichtigen Beweisführung erweist Pross „uns“ Betroffenen einen großen Dienst; leider kann ihn kaum eine*r von uns lesen wegen der hochwissenschaftlichen Aufmachung. Dennoch erleichternd! Im Ausblick auf den letzten Seiten betont Pross zwar die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit des Einbeziehens von Genesungsbegleiter*innen, führt aber leider keine weiterführende Literatur von Betroffenen zum Thema an: zum Beispiel die Schattenübersetzung von Netzwerk Artikel 3 zur UN-Behindertenkonvention11 und das Buch „Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen“ über die EX-IN-Ausbildung12.

Heike Oldenburg, Mai 2017

Christian Pross, »Wir wollten ins Verderben rennen«, Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg, 500 Seiten, Köln 2016, 39,95€

1Siehe Personenregister

2Alle Seitenangaben aus: Pross, »Wir wollten ins Verderben rennen«, Köln 2016

3 Wikipedia, Zugriff 29. April 2017

4 Nachfolgeorganisationen waren das IZRU (ab Juli 1971, „Informationszentrum Rote Volksuniversität“), das „Komitee gegen Folter Heidelberg“ und die „Patientenfront/Sozialistisches Patientenkollektiv(H)“ (seit 1973, sieht sich als „identisch mit dem SPK“ (Wikipedia, Zugriff 19. Juli 17)).

5 später der Leiter des Patientenkollektivs, s.u.

6 Eine von ihnen: „»Man dachte: JA so, das ist antiautoritär und frei, Freiheit und jeder mit jedem, das war damals so.«“ (S. 270) Heute erkennt sie es als „Missbrauch“ (S. 271). Auch in ähnlichen Projekten dieser Art wurden europaweit Frauen und Kinder missbraucht.

7 Drei Schicksale mit Kriminalisierung, Flucht und Untersuchungshaft aufgrund von simpler Teilnahme am SPK sind bekannt. Fünf Selbstmorde sind bekannt oder vermutet.

8Rote Armee Fraktion, „in ihrem Selbstverständnis eine kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla nach südamerikanischem Vorbild“ (Wikipedia, Zugriff 1. Mai 2017)

9 S. Aust hat in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ die Kapitelüberschrift „Irre ans Gewehr“ kreiert. Er stellt die Worte als Zitat Hubers hin. (S. 386) Da wir noch immer als latent gewalttätig dargestellt werden, ist für mich dieses Buch noch heute relevant. Kleine Anekdote: Ich erlaube mir mit einem Taxifahrer einen Scherz: „Haben Sie noch nicht gemerkt? Neben Ihnen sitzen eigentlich zwei – ich bin schizophren!“ Er merkt s nicht und sagt: „Ja, und wie äußert sich das? Schlagen sie immerzu um sich?!?“

10 Für mich erschütternd ist die fast nebensächliche, aber deutliche Darstellung des Strippenziehens hinter den Kulissen, der illegalen Wege, die die etablierten Verantwortungsträger in Heidelberg beschritten haben und damit ohne Probleme durchkamen. (S. 122ff.)

12 Bettina Jahnke, Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen: Mit EX-IN zum Genesungsbegleiter, Neumünster 2012

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