Der Klassiker – Don Quijote, Ritter von der traurigen Gestalt – „fortgerissen von seiner erfinderischen, unerhörten Verrücktheit“

„… nicht jeder hat so viel Verstand, um eine

Sache am richtigen Ende anzufassen.“

Miguel der Cervantes

Beseligt und hochbeglückt waren die Zeiten, wo der kühnste aller Ritter, Don Quijote von der Mancha, auf die Erde gesendet ward. Denn weil er den so ehrenhaften Entschluß hegte, den bereits verloren gegangenen und schier erstorbenen Orden der fahrenden Ritterschaft neu zum Leben zu erwecken und der Welt wiederzugeben, so genießen wir jetzt in unserm Zeitalter, das ergötzlicher Unterhaltung so sehr ermangelt, nicht nur die Lieblichkeit seiner wahren Geschichte, (… )“ (S. 269).

Dieser zweiteilige Klassiker, im Original „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“, von 1605 und 1615 hatte einen grundlegenden Einfluss auf alle späteren europäischen Romane. Daher wurde der hier besprochene Comic in der französischen Reihe aufgenommen, die Brockhaus als „Weltliteratur im Comic-Format“1 übersetzt hat. Die Klassiker sind auf je ca. 45 Seiten heruntergebrochen sowie mit einem leicht verständlichen Anhang zum Autoren, zu seinem Werk, zu diesem Roman sowie zur historischen Einbettung versehen.

Die linke Hand des Autoren Miguel de Cervantes (1547-1616) war aufgrund einer Schussverletzung im Krieg gelähmt. Seine vielfältigen Lebenserfahrungen – Diener eines Konsuls in Italien, Soldat, von Piraten als Sklave nach Algerien entführt, Steuereintreiber – flossen in den Roman ein. Im Jahre 1614 kam eine nicht autorisierte Fortsetzung von einem gewissen de Avellaneda in Tordesíllas heraus. Cervantes war empört! Ein Jahr später erschien sein zweiter Romanteil, in dem er de Avellaneda sogar als Kunstgriff auftreten lässt. Das Gesamtwerk umfasst 126 Kapitel auf 1.100 Seiten, mit ausufernden Nebengeschichten.

Natürlich kann ein solch großes Werk nicht auf 50 Seiten komplett bildlich dargestellt werden. Es ist ein spannendes Unterfangen, den Originalroman neben dem Comic zu lesen. Häufig ist ein ganzes, 15 Seiten umfassendes Kapitel auf eine Seite reduziert. Auf S. 41 steht oben anfangs der Satz: „Viele weitere Abenteuer schmückten den Bericht [bis zur Ankunft in Barcelona].“ Mit diesem kurzen Satz sind 49 gestrichene Kapitel umfasst!

Das Buch, 1956 übersetzt, enthält eine sehr hübsche, der Schaffenszeit angemessene Sprache. Viele Sätze sind wörtlich übernommen. Jedoch sprachliche Feinheiten gehen verloren. „Zierat“ ist mit „Schmuck“, die „Examinatoren“ sind durch „Untersuchenden“ ersetzt. „Insel“ heißt bei Cervantes „Insul“, „gelehrter“ „gelahrter“. Die Kapiteltitel klingen sehr kunstvoll: „Von dem noch nie erhörten und noch nie gesehenen Abenteuer, welches selbst der vortrefflichste Ritter auf Erden nicht mit so wenig Gefahr bestanden hätte als der mannhafte Don Quichote von der Mancha“ oder: „Wo tausenderlei Kleinigkeiten erzählt werden, sämtlich ebenso bedeutungslos als wichtig für das Verständnis dieser großen Geschichte“ – Titel, die alles besagen könnten.

Don Quijote möchte so viele Abenteuer wie möglich erleben. Mit diesen wollten die Ritter fast immer eine Frau beeindrucken, sie hofften auf deren Liebe. Ehre, Demut und Treue waren die wichtigsten ritterlichen Tugenden. Häufig waren die Abenteuer voller Gefahren – bei Turnieren starben bis zu 40 Teilnehmer, dennoch haben tapfere Ritter an bis zu 100 Turnieren im Jahr teilgenommen.2

Don Quijote hatte alle Ritterromane seiner Zeit gelesen. Dann hat er sich selbst umbenannt, sein Pferd nannte er „Rosinante“ (span. rosín Klepper und antes früher3) und seine Angebetete, eine sehr hübsche Bäuerin aus dem nahegelegenen Dorfe Toboso, Lady„Dulcinea von Toboso“. Er strebte nun auf Reisen – von der Mancha, eine Region südlich von Madrid, bis Barcelona am Mittelmeer – den „Hilfsbedürftigen [zur Seite zu stehen], so meines Beistandes und Schutzes bed[ürfen]“ (S. 41). Die Zeit der Ritter – das Wort ´rîter´ taucht im 11. Jahrhundert das erste Mal auf4 – war 1600 schon lange vorbei.

Der Roman war als Parodie auf die Ritterschaft angelegt. „Meine Absicht war keine andere, als den Abscheu aller Menschen gegen die fabelhaften und abgeschmackten Geschichten der Ritterbücher zu wecken, welche durch die meines wahren Don Quijote bereits ins Straucheln geraten und ohne Zweifel ganz zu Fall kommen werden.“

Ins Straucheln geraten ist erst einmal Don Quichote selbst mit seinen Empfindungen und Gedanken. Der verarmte Hidalgo5 Alonso Quijano hatte sich in seine Romane hineingesteigert. Er putzte die Rüstung eines Vorfahren, die ihm, dem hageren, großgewachsenen, fast 50-Jährigen passte und bastelte sich selbst einen Helm. In der unzeitgemäßen Rüstung und aufgrund seiner geschraubten Sprache wurde er jedoch von allen für verrückt erklärt. Er ließ sich von einem Wirt, den er mit „Burgherr“ anredete, zum Ritter schlagen. Dieser musste ihn zunächst vor einer Bande Maultiertreiber retten, die ihn mit Steinen bewarf. Dem Wirt wird der Satz in den Mund gelegt: „Er ist ein Narr und würde selbst dann freigesprochen werden, wenn er euch umbrächte!“ Diese im Fließtext des Romans so stehende Aussage transportiert ein gängiges Vorurteil über Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen: Sie seien latent gewalttätig. Mir scheint dieser im Comic übernommene Satz für den Fortlauf der Geschichte überflüssig.

Das erste Gute, was Don Quichote tut, ist, einem Mann, den er „feiger Ritter“ nennt, aufzuerlegen, dass er dem Knecht, den er schlug, den geschuldeten Lohn zu geben und ihn gehen zu lassen habe. Dann reitet er von dannen, in dem festen Glauben, dass der „Herr“ sich an sein Wort halten werde. Das ist sehr verblendet und naiv von Don Quijote. Wie zu erwarten, schlägt der „Herr“ seinen Knecht weiter. Bei dem bekannten Kampf gegen die Windmühlen6 sind die „Riesen“ bildlich toll in roten Schuppengestalten dargestellt. Er nimmt die Windmühlen in seiner Realitätsferne als solche wahr. Als er, von den Mühlenblättern getroffen, gestürzt ist, glaubt er, ein feindlicher Zauberer habe „diese Riesen in Mühlen verwandelt“, um ihm „den Ruhm des Sieges zu entreißen“ (S. 21). Das ist fatal für einen Ritter, der seiner „Herrin dieses mit Gefangenschaft bestrickten Herzens“ mit „sich dieser euch lebenspflichtigen Brust“ ergeben ist. Andererseits sendet er nach anderen Abenteuern die vermeintlich Geretteten nach Toboso zu Dulcinea, um ihr zu erzählen, „was ich für eure Befreiung getan habe“ (S. 24). Da es eine solche Dame, auch auf Nachfrage, vor Ort nicht gibt, wäre sie durch die Befreiten doch nicht aufzufinden! Insofern ist Don Quijote schon im Wahn befangen. Die Szene auf S. 16/17, wo Don Quijote auf seinem Bett stehend gegen einen Don Roland ankämpft, weist ebenfalls auf psychotische Verkennung der Wirklichkeit, also Halluzinationen hin. Oder einfach nur auf fast bedrohlich-intensive Phantasien? Diese Szene, im Roman sehr viel später, wurde hierher vorgezogen. Sie ist bestechend gezeichnet, obwohl der Stil insgesamt, wie in der ganzen Serie, nicht gut ausgeführt ist.

Für seine zweite Reise nimmt Don Quijote sich seinen Nachbarn Sancho Pansa, „mit wenig Grütze im Kopf“7, als Knappen mit. Dessen Bodenständigkeit ist ein guter Gegenpol zu seines Herren Weltfremdheit. Die beiden halten in großer Treue zueinander und führen hochphilosophische Gespräche. Einerseits nähert sich Sancho Pansa an Don Quijotes Welt an, andererseits wird sein Herr auch von anderen als klug philosophierend empfunden. Nur wenn es um Rittersachen geht, scheint sich die „Dichtung mit dem Geist des Lesers [zu stark zu] vermählen“ (S. 495). Jener, der diesen Satz sprach, vermutet sogar „in [seinen] Narreteien ein System“ (S. 518). Das deckt sich mit meiner Ansicht, dass jeder Wahn, jede psychotische Episode einen Sinn hat.

Kurz vor seinem Tod erkennt Don Quijote den „Unsinn und ihre Versuchung“ der „abscheulichen Ritterbücher“. „Mein Verstand ist hell und klar, frei von den umnebelnden Schatten der Unvernunft“. Er würde nun gerne andere Bücher lesen, um seine „Seele zu erleuchten“ (alle S. 50).

In meinen Augen war Don Quijote erleuchtet und ein ganz Besonderer in seiner Zeit. Dass Sancho Pansa ihn „Ritter von der traurigen Gestalt“8 nennt, nachdem er nach einer Niederlage matt im Schlamm gelegen hatte, und dass Don Quijote für sich diese Benennung annimmt (!), bestätigt das nur. Miguel de Cervantes hat mit seinem zeitlos wunder- und kunstvollen Roman bewiesen, dass Don Quijote mutiger als ein normaler Ritter ist. Die Umsetzung im Comic ist insgesamt ebenfalls brillant gelungen.

Heike Oldenburg

Dezember 2016

 

Quellen:

Miguel de Cervantes, Don Quijote, dtv, München 111998

Miguel de Cervantes, Don Quijote, Brockhaus Literaturcomics, München 2012

Pierret/Venzani, HIDALGOS, 1. Don Miguel, BL Zelhem 2004

WAS IST WAS, Bd. 88, Andrea Schaller, Ritter, Burgen. Turniere, edle Frauen, Nürnberg 2014

1Weitere „Weltliteratur im Comic-Format“ sind Homers „Odyssee“, Stevensons „Die Schatzinsel“, Vernes´ „In 80 Tagen um die Welt“, Defoes „Robinson Crusoe“ u.a.

2WAS IST WAS, Bd. 88, Andrea Schaller, Ritter, Burgen. Turniere, edle Frauen, Nürnberg 2014, S. 17

4Schaller, S. 6

5 Verarmter Edelmann auf spanisch

6Diese berühmten Windmühlen werden auch in Pierret/Venzani, HIDALGOS zitiert, als Cervantes auf einem Bild daran vorbei reitet (S. 14). In diesem Comic wird in ebenfalls brillant-kunstvoller Weise das Leben von Cervantes von Don Quijote erzählt, und zwar um das Jahr 1570.

7Brockhaus Comic, S. 19; Cervantes, dtv, S. 65

8Cervantes, dtv, S. 162

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