„Dulcinea von Toboso“ – „die Kaiserin der Mancha“ im Spanien des frühen Barock

Leben ist die Suche des

Nichts nach dem Etwas.“

Christian Morgenstern

Frauen um 1600 in Europa haben überwiegend vom Land Bearbeiten gelebt. Trotz Unfreiheit – „Mädchen mussten ihrem Vater gehorchen, Ehefrauen ihrem Mann“ – haben einige Frauen der Zeit als Regentinnen und Gelehrte viel erreicht. „Adelige Frauen waren tugendhaft und wussten sich zu benehmen“1; Ritter wurden dadurch ebenfalls zu gesittetem Verhalten angehalten. Ansonsten begann sich die gesellschaftliche Ordnung aufzulösen, der Adel verarmte. Der Feudalismus wurde durch Geldmangel geschwächt. In Spanien wurde das „westindische“ Gold (aus Mittelamerika) importiert, jedoch leider nicht im Lande ausgegeben.

In der Mancha, einer Region südlich von Madrid, lebte der von dem Schriftsteller Miguel de Cervantes kreierte Charakter des Hidalgo2 Don Quijote. Der erste Teil des Romans entstand im Gefängnis in Sevilla, der zweite wohl in Madrid. „… und also muss es aus Nichts entstehen.“ So erging es Dulcinea von Toboso, die aus Cervantes´ kreativer Phantasie entstand und durch seine Feder zum Leben kam.

Don Quijote liebte nach ausführlicher Lektüre entsprechender Romane das Rittertum und wollte als solcher durch die Lande ziehen. Es war üblich, dass Ritter eine edle Dame anbeteten, ihnen dienen wollten und in ihrem Namen gute Taten ausführten. In einem Sonett im Buch Don Quijote heißt es: „Gib ein Gebot zur Richtschnur meinen Tagen,/ Wie sie dein Wille, Herrin, mag gestalten;/ dein Wille soll stets über meinem walten, Der nie sich des Gehorsams wird entschlagen./ (…)/ Ein Beispiel zweier Gegensätze leb ich,/ Denn weich wie Wachs und demanthart gehör ich/ Der Liebe stets und ihrem Machtgesetze.“ (S. 6313)

Also überlegte sich Don Quijote, dass er das Bauernmädchen Aldonza Lorenzo aus dem Nachbardorfe Toboso, in die er einmal verliebt gewesen war, zu seiner Dame erklären würde. „Denn ein fahrender Ritter ohne Liebe war für ihn wie ein Baum ohne Laub und Früchte.“ (Cervantes, Brockhaus, S. 5) Er beschloss, seiner Gebieterin den Namen „Dulcinea von Toboso“ zu geben. Dieser wohlklingende Name kam aus span. dulce „süß, lieblich“ und schien ihm passend. In Don Quijotes Phantasie sieht Dulcinea so aus: „Ihre Haare sind Gold, ihre Stirn ein Paradiesgarten, ihre Brauen gewölbte Regenbogen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne, Alabaster ihr Hals, Marmor ihre Brust, Elfenbein ihre Hände, ihre Weiße ist Schnee, (…)“ (S. 106). Dieses Bild entspricht dem „Idealbild einer mittelalterlichen Frau: weiße, zarte Haut, gerade Nase, bescheidenes Wesen.“ (Schaller, S. 36)

Mehrfach schickt Don Quijote nach Vollbringung einer guten Tat die Befreiten nach Toboso, um seiner Angebeteten zu berichten. Toboso hat heute ca. 2000 Einwohner*innen, wie viele mögen es damals gewesen sein? Weder der Reisegefährte Don Quijotes noch sein Schildknappe Sancho Pansa haben je vom Geschlecht derer von Toboso vernommen. Wie Don Quijote sich wohl vorstellte, wie die Geretteten die edle Dulcinea von Toboso finden sollten?

Sancho Pansa erfährt anlässlich eines Briefes, den er Dulcinea bringen soll, wer sie in Wirklichkeit ist. Don Quijote habe sie nur „höchstens viermal gesehen“. Sancho Pansa hat eher ihre „Haare auf den Zähnen“ (beide S. 235) in Erinnerung als die obigen Attribute.

Den „in ihren Fesseln liegenden Ritter“ (S. 307) errettet der listige Schelm Sancho Pansa im zweiten Buch mit einigen Tricks: Er gibt drei zufällig heran reitende Bäuerinnen als Dulcinea mit zwei Hofdamen aus. Zwar reagieren die Frauen höchst ungehalten, jedoch Don Quichote glaubt Sancho Pansa, dass sie und ihre Zelter4 verzaubert seien, „umgewandelt in ein so gemeines und häßliches Geschöpf wie jene Bauernmagd“ (S. 618). Von einem, der als Teufel verkleidet auftritt, wird später Dulcineas Entzauberung angekündigt und zwar: „Damit sie ihren früheren Zustand wieder/ Erlangen möge, sie, die ohnegleichen/ Die hohe Dulcinea von Toboso,/ Ist´s nötig, daß sich selbst dein Knappe Sancho/ Dreitausend Hiebe und dreihundert gebe/ Hier auf sein mächtig Paar Sitzteile, beide“ (S. 819).

Ein „Ritter vom weißen Mond“ (S. 1043) beleidigt Don Quijotes Angebetete: seine eigene Dame sei wohl schöner als Dulcinea von Toboso. Im folgenden Kampfe stürzt Don Quijote besiegt zu Boden und akzeptiert die Vorgabe des Ritters, dass er sich für ein Jahr Zuhause zur Ruhe setzen solle. Als Don Quijote auf dem Rückweg klagt, dass Sancho Pansas sich nicht langsam selbst geißele,um Dulcinea von Toboso zu erretten, entgegnet dieser, dass er nicht sehe, „daß das Geißeln meiner Sitzteile etwas mit der Entzauberung verzauberter Personen zu tun haben kann; das ist gerade, als sagten wir: wenn dir der Kopf weh tut, so reib dir die Knie mit Salbe ein.“ (S. 1057) Jedoch, um die erwünschte Entzauberung der Dame nicht weiter zu behindern, greift Sancho Pansa zu einer weiteren List: Er geht in den Wald und peitscht die Bäume statt seines Popos. Dies klingt so schlimm, dass Don Quijote ihn bittet, aufzuhören. Daraufhin setzt der clevere Knappe sein Tun am nächsten Tag fort. Don Quijote ist erleichtert und bittet Sancho Pansa, sich zukünftig für seine Frau und Kinder zu schonen, die bräuchten ihn noch.

Kurz nach der Rückkehr ins Heimatdorf erkrankt und stirbt Don Quijote. Von der Gebieterin Dulcinea aus dem Nachbardorf ist nun keine Rede mehr. Er hat also seine Angebetete nie gesehen. Tatsächlich sollen viele Ritter Angst gehabt haben, „sich zu verlieben und durch Liebeskummer schwach zu werden.“ Das konnten die Männer der Zeit wirklich gar nicht gebrauchen. Die Theologen predigten eh, dass romantische Liebe „eine Krankheit“ sei. „Das Verhältnis zwischen Mann und Frau sollte allein durch Freundschaft und Vernunft bestimmt sein.“5 Viele Ritter kamen nur durch Ehe und die Mitgift zu einer eigenen Burg, daher waren ihre Frauen wichtig. „Im Grunde war man ohne Frau gar kein echter Ritter.“6 Die Mädchen lernten häufig sogar lesen, während die Jungen ab sieben Jahren das Kämpfen erlernen mussten.

Am Ende des ersten Buches von Cervantes steht folgende, sehr schöne Grabschrift für Dulcinea geschrieben:

Hier ruht Dulcinea; loben/ Mußte man die drallen Glieder;/ Und doch warf der Tod sie nieder,/ Daß zu Asche sie zerstoben./ Sie, von christlich reinem Stamme,/ Tat, als ob sie adlig wäre;/ Sie war Held Quichotes Flamme/ Und des Dorfes Stolz und Ehre.“ (S. 539)

Heike Oldenburg

Dezember 2016

 

Quellen:

Miguel de Cervantes, Don Quijote, dtv, München 111998

Miguel de Cervantes, Don Quijote, Brockhaus Literaturcomics, München 2012

WAS IST WAS, Bd. 88, Andrea Schaller, Ritter, Burgen. Turniere, edle Frauen, Nürnberg 2014

1 Beide: WAS IST WAS, Bd. 88, Andrea Schaller, RITTER. Burgen, Turniere, edle Frauen, Nürnberg 2014, S. 36

2Verarmter Edelmann auf spanisch

3alle Zitate in dieser Form aus: Miguel de Cervantes, Don Quijote, dtv, München 111998

4Zelter bezeichnete im Mittelalter ein leichtes Reitpferd oder Maultier, das den besonders ruhigen und für den Reiter bequemen Zeltgang (…) beherrschte. (…) insbesondere Reisepferde und Pferde für Frauen und Geistliche“, Wikipedia, Zugriff 5. Januar 2017

5Schaller, alle S. 37

6Schaller, S. 36

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