Eine arabische Prinzessin aus dem Hause Al Saud – „Sultana, eine Feministin von königlichem Geblüt“, aber auch: ein Leben als „ein schmaler Streifen Angst“

Es ist nicht die Absicht der Autorin und der Prinzessin,

mit dieser wahren Geschichte den islamischen

Glauben schlecht zu machen.“ (Leitsatz)

Die amerikanische Journalistin Jean P. Sasson hat zum Leben der hier besprochenen saudi-arabischen Prinzessin inzwischen vier Bücher geschrieben. Sasson lebte länger in Saudi-Arabien und wurde ab 1983 Sultanas Freundin. In den ersten beiden Büchern wird die Geschichte der großen Familie Al Saud in Saudi-Arabien sowie die der kleinen Familie der Prinzessin Sultana1 mit Mann und drei Kindern sowie direkten Verwandten erzählt.

Die Großfamilie Al Saud kann mensch bis um 1450 zurückverfolgen.2 Im Jahre 1744 schloss der damalige Herrscher Muhammad Ibn Saud einen Vertrag mit dem Gründer der Wahhabiten, sich gegenseitig militärisch zu stützen und zu legitimieren. Daher sind diese puristisch-konservative Religion3 und das Herrscherhaus noch heute eng miteinander verknüpft. Das Herrscherhaus regiert seit 1932 das Königreich Saudi-Arabien. Der Koran gilt für Wahhabiten als unantastbar, als „letztgültiges Manifest Gottes (…), das über Zeit und Raum hinweg Bedeutung hat.“ (Abdel-Samad, S. 233). Den Koran im historischen oder kulturellen Kontext zu sehen, ist nicht gestattet. Schon kritische Fragen zu stellen, wird als Sünde angesehen. Die zuletzt entstandene Sure 9 propagiert Hass auf Andersgläubige. Dieser Hass „besteht bis heute in weiten Teilen der islamischen4 Welt“. (Abdel-Samad, S. 133) Wer nicht selbst am Dschihad, dem heiligen Kampf, teilnimmt, kann durch großzügige Spenden von Geld oder Waffen sich und seine Familie schonen. Das 1938 entdeckte Öl in Saudi-Arabien – über 25 % des Weltvorkommens – erlaubte es, große Reichtümer anzusammeln („Saudi-Arabien verdient rund eine Milliarde Dollar pro Tag mit dem schwarzen Gold.“5). Daher können viele reiche Saudis sich freikaufen.6 Nach Sultanas Angaben gab es 1991 nahezu 21.000 Familienmitglieder, samt etwa 7.0007 Prinzen, die mitsamt Großfamilien großzügig staatlich versorgt werden.

Sultanas Mutter wurde im Jahre 1946 mit 12 Jahren an den damals 20-jährigen Vater verheiratet. Sie war ungebildet, aber klug und wurde später schwermütig. Für Töchter gilt folgender Satz Mohammeds: „Wer immer eine Tochter hat und sie nicht lebendig begräbt, sie nicht beschimpft und ihr nicht seine männlichen Kinder vorzieht, den möge Gott ins Paradies bringen.“ (Sasson, S. 14) Dennoch werden Frauen fast immer von Vätern, Brüdern und Ehemännern verachtet. Alle diese Männer würden sich jedoch dadurch unglücklich machen. Laut Abdel-Samad nimmt der Islam heute eine unrühmliche Spitzenposition bei der schlechten Behandlung von Frauen ein. Es sei Auslegungssache des Korans8, ob Frauen gleichberechtigt oder „in einem kulturell-religiösen Käfig gehalten“ (Abdel-Samad, S. 169) werden. Auch Frauen werden in Koran als Vorbilder benannt: „´Siehe, die muslimischen Männer und Frauen, die gläubigen, die gehorsamen, die wahrhaftigen, standhaften, demütigen, almosenspendenden, fastenden, ihre Scham hütenden und Allahs häufig gedenkenden Männer und Frauen, bereitet hat ihnen Allah Verzeihung und gewaltigen Lohn. (…)´ (Sure 33:35)“ (Abdel-Samad, S. 170). Es gibt in Sure 66:10-12 Beispiele für Frauen, die gegen den Strom geschwommen sind.

Auch Sultana ist gegen den Strom geschwommen. Schon als Mädchen hatte Sultana mit drei Freundinnen zusammen den Club „Flinke Lippen“ gegründet. Beim Schleierkaufen verhielten sie sich nicht züchtig genug in den Augen eines der Väter; ihre Freundin wurde von ihm verstoßen und ertränkt! Diesem ersten Drama folgen viele, viele weitere Dramen, sowohl innerfamiliär als aus der umgebenden Diener*innenschaft.

Als Sultanas Cousin, der Anwalt Karim, als Gatte für sie ausgesucht worden war und die beiden sich kennen lernten, war ihm wichtig, dass sie nicht beschnitten sei (Sasson, S. 143). Außerdem bemerkte er schon damals: „Ein Leben mit dir wird auf jeden Fall keine langweilige Angelegenheit.“ (Sasson, S. 131). Sie galt als sensibel und schwierig. Es war/ist ungewöhnlich, dass ein Brautpaar sich so gut gefällt. Sultana setzte das ungewöhnliche Brautkleid „aus grellroter Spitze“ durch. Ihr Mann Karim nahm sich keine weiteren Ehefrauen. Als er einmal eine zweite heiraten wollte, floh Sultana mit den drei Kindern über Dubai nach Europa. Sechs Monate dauerte diese Art Jet-Set-Flucht, bei der sie Dinge tat wie bloß mal eben nach London fliegen, um ein nicht nachverfolgbares Telefonat zu führen! Nach ihrer Rückkehr – Karim hatte „gebettelt“ – durfte Sultana weiter die Frauen-Hochschule in Riad besuchen und schloss das Studium der Philosophie 1990 mit dem Magistra Artium ab. Wie Sultana sind viele Frauen heute gebildet. Sie sagt, im Endeffekt würden die Männer den Frauen doch häufig das letzte Wort lassen. Männer dominieren jedoch im gesellschaftlich-sichtbaren Leben.

Der Text ist ein ständiges Hin und Her zwischen dem Jammern: „Gleichberechtigung für Frauen [wird] unerreichbar“ bleiben (Sasson, S.123) und der Selbstsicht als Feministin mit Hoffnung: „Ich sagte mir, dass in der Geschichte schon oft ein einzelner Veränderungen bewirkt hatte, die das Leben von Millionen verändert hatten!“ (Sasson, S. 178) Der versuchte Einsatz für die Enkelin der alten Dienerin in Kairo ist dann wieder fruchtlos: Die Tochter lässt sie doch beschneiden, trotz dieser hohen Fürsprecherin. Gescheitert. Immer wieder wird das Elend benannt, dass ältere Männer sich 12-jährige Mädchen zu Sexspielen kaufen oder einfliegen lassen. Wirklich widerliche Fakten über sexuelle Missbräuche werden benannt. Sultana bricht in den Büchern die kulturelle Sitte der Geheimhaltung. In den von Mauern umgebenen Palästen wird vieles diskret übergangen. Selbst beim drohenden Tod eines Kindes im Krankenhaus wird so formuliert: „Es fühlt sich nicht wohl.“

Der Schleierzwang sei auch für Männer schlimm (Sasson, S. 128/9). Nach Abdel-Samad stehe die Empfehlung, sich „in ihren Überwurf [zu] verhüllen“ und so „nicht erkannt“ und „nicht verletzt“ zu werden „(Sure 33:59)“ mit Mohammeds Biografie in Zusammenhang. Er hatte mit im Alter von über 60 Jahren einige Ehefrauen um die 20 Jahre und damit „Unsicherheit und Verlustängste“ (alle Abdel-Samad, S. 186). Die Zeiten sexueller Belästigung sind zwar heute nicht vorüber, jedoch die von Raubzügen und Stammesfehden durchaus. In Sure 33:33 legte Mohammed nahe, dass Frauen das Haus zum Selbstschutz gar nicht verlassen sollen! Die heute unzeitgemäße Auslegung9 hat für Frauen weitreichende Folgen: kein Schulbesuch, keine Krankenhausbehandlung, keine Arbeit. Und wer geht einkaufen, wenn keine Diener*innen da sind?

Sultanas Alltag sieht so aus: Schlafen bis mittags, Diener*innen kümmern sich um die Kinder. Dann ein Obstimbiss in der Badewanne (haha…). Nach dem Mittagessen mit Karim und Schwestern: auf dem Sofa Magazine lesen und mit den Kindern spielen. Am späten Nachmittag: andere Frauen treffen. Nach dem Abendbrot mit ganzer Familie: Ausgehen zu gemischtgeschlechtlichen Treffen, bis 2h nachts. Da bleibt natürlich für Wahrnehmung von dramatischen Verhältnissen innerhalb einer so großen Familie viel, viel Zeit! Das vierte Buch heißt „Princess, More Tears to Cry“10 – kein einladender Titel nach dem bisherigen, was bei aller Brisanz in der Häufung zum Großteil wie „BLÖD“11-Niveau wirkt.

Am schlimmsten an der arabischen reichen Gesellschaft sei, dass Langeweile regiere. Die Frauen haben nichts anderes zu tun, als sich gegenseitig zu besuchen. Sie tragen unter den Abayas12 knappe westliche Kleidung und sind bemüht, sich gegenseitig auszustechen. Eintönigkeit und Unzufriedenheit ist verbreitet, Korruption ebenfalls. Viele der Prinzen seien drogen- und/oder alkoholabhängig.13

1979 wurde bei Sultana Brustkrebs diagnostiziert. Zwar verlor sie eine Brust14 und war geheilt. Sie konnte jedoch nach drei Kindern in acht Ehejahren nun keine weiteren Kinder bekommen. Dies führte zu ihrer ersten Depression. Während solcher schwermütigen Zeiten rauchte Sultana immer sehr stark. Die Familiendramen trieben sowohl Sultana als auch Karim öfters an den Rand des Wahnsinns. Sultana hatte mit ihren Töchtern schwere Probleme durchzustehen. Ihre Älteste, Maha, musste zum Psychiater (viele Behandlungen der Reichen finden im Ausland, in London oder Paris, statt.), die jüngere Amani wurde Extremistin, entwickelte sich von der obsessiven Tierretterin zur ebensolchen Gläubigen.

Besonders erschreckend mag für Sultana gewesen sein, dass 1986 anhand einer weitergetragenen Geschlechtskrankheit heraus kam, dass ihr Ehemann wöchentlich mit anderen Prinzen an Sexorgien teilnahm, für die Liebesdienerinnen aus Paris eingeflogen wurden. Insgesamt schwankt ihre Stimmung Karim gegenüber in dem Buch zwischen den Extremen: große Freude über diesen großzügig-liebenden Mann bis zu Beschimpfungen als Feigling. Sie zitiert das hübsche arabische Sprichwort: „If your husband is made of honey, do not consume him.“15 (Sasson II, S. 251). Sultana überlegte sich, dass sie sich nicht mehr so häufig mit Wutausbrüchen durchsetzen wolle.

1992 gab es ein großes Familientreffen. Sultanas Bruder Ali hatte in Deutschland das erste Buch von Sasson/Sultana entdeckt und übersetzen lassen. Nun warf er ihr Verrat vor. Karim ergänzte, dass sie das Paradies vergifte. Jedoch wurde beschlossen, dass Sultana und die Familie nicht erkennbar seien und die Angelegenheit in der Familie bleiben könne.

Frauen waren in Sultanas Augen ebenso durchhaltend, mutig und quellenreich wie Männer, sie sei ihrer Zeit mit dieser Einsicht weit voraus. Sassons Absicht mit der Darstellung von Sultanas Leben war es aufzuzeigen, dass aus „Wissen, Mut und Tat“ (Sasson II, S. xiii) folgen müsse, dass die Männer aufhören müssten, den Willen der Frauen zu schmähen. Bisher ist dies jedoch für den saudi-arabischen Raum nicht gelungen.

Heike Oldenburg

Februar 2017

 

Quellen:

Jean P. Sasson, Ich, Prinzessin aus dem Hause Al Saud, Ein Leben hinter tausend Schleiern, München 1992

Jean P. Sasson, Princess Sultana´s Daughters, Thorndike, Maine, USA 1994/5 (zitiert als: Sasson II)

Hamed Abdel-Samad, Der Koran, Botschaft der Liebe, Botschaft des Hasses, München 2016

Wikipedia

1Pseudonym

3 Ein Beispiel für übertrieben-wahn-sinnige Auslegung des Koran erzählt Abdel-Samad: Salafisten (Wahhabiten gehören dazu) in Ägypten verbieten gar, dass ein Mann sich auf den Platz im Bus setzt, von dem sich soeben eine Frau erhoben hat; die Noch-Wärme auf dem Sitzplatz könnte ihn erregen …! (Abdel-Samad, S. 193/4)

4Das Wort Islam bedeutet: „Unterwirf dich dem Willen Gottes.“ (Sasson, S. 270; S. 261 – 288 erklärt den Koran und das Land samt Halbinsel. Saudi-Arabien ist mit 865.000 km2 so groß wie Europa, inklusive der größten Sandwüste der Welt. Es hat nicht mal 14 Millionen Einwohner*innen.)

6 Ohne ihrer aller Freikauf würde der internationale Terror der IS nicht funktionieren. (Abdel-Samad, S. 131-33)

7Wikipedia, Zugriff am 2.2.2017

8Von syrisch qiryan, Liturgiebuch der syrischen Christen um 650 n. Chr., arab. qur´an Rezitation (Abdel-Samad, S. 14)

9 Tatsächlich 1996 bis 2001 unter den Taliban in Afghanistan praktiziert!

10„Prinzessin, Noch mehr Tränen“, Großbritannien 2014

11= „BILD“

12Ein schwarzes Außen-Kleidungsstück, von saudi-arabischen Frauen getragen (Sasson II, S. 340, übersetzt H.O.)

13 Nach außen hin sei aber seit 1952 sogar für Nicht-Muslime Alkoholgenuss verboten.

14Bei der Paradies-Beschreibung im Koran werden sogar die Brüste der Huris (Jungfrauen) angepriesen: „´Siehe, für die Gottesfürchtigen ist ein seliger Ort, Gartengehege und Weinberge (Jungfrauen) mit schwellenden Brüsten.´ (Sure 78:32-33)“ (Samad, S. 53)

15„Wenn dein Gatte aus Honig ist, iss ihn nicht auf.“ (übersetzt von H.O.)

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