Lene Voigt – ihr Wahlspruch: Trotz alledem!

Lene Voigt, geborene Wagner, kam im Mai 1891 in Leipzig zur Welt. Ihr Vater war Schriftsetzer, nach eigenen Worten „aus (einem) Gebirgsbauerngeschlecht“, ihre Mutter „aus Akademikerkreisen“. Nach sechs Jahren Volksschule arbeitete sie zwei Jahre als Kindermädchen (mit 12 Jahren!) und ab 1905 als Verlagskontoristin und später Buchhalterin in diversen Verlagen.

Im Alter von 15 Jahren veröffentlichte Lene Voigt 1906 ihren ersten Text. Sie publizierte später im gesamten linken Blätterwald der Weimarer Republik. Neben hochdeutsch schrieb sie in sächsischer Mundart. Über ihren Stil sagte sie: „Ich umwickele die Pfeile meines Spotts fein säuberlich mit sterilisierter Watte, auf dass sie nicht verletzen. Denn das ist nicht meine Absicht.“

Lenes Ehe mit Friedrich Voigt, einem Musiker und späteren Büroarbeiter, hielt nur von 1914 bis 1920. Ihr Sohn Alfred, 1919 geboren, starb mit fünf Jahren an einer Hirnhautentzündung. Von 1925–35 veröffentlichte Lene Voigt zwölf Bücher. Ihre große Liebe – der stellungslose Opernsänger Karl Geil aus der internationalen Vagabundenbewegung mit anarchistischer Weltanschauung – starb nach nur drei gemeinsamen Jahren schon 1929.

Hierauf zog Lene Voigt im selben Jahr nach Bremen. Die fünf Jahre an diesem Ort waren ihre schönsten und produktivsten. In ihrem Büchlein „Vom Pleißestrand nach Helgoland. Ein lustiges Reisebild“ heißt es: „Bremen sehen und lieben war eins.“

1934 nahm Lene Voigt ihre häufigen Wohnungswechsel wieder auf. Sie zog über mehrere norddeutsche Städte und München wieder nach Leipzig. Zuhause war Lene Voigt nirgendwo. Leichte Depressionen seit 1928 sowie die Beschattung durch die GESTAPO seit 1933 schwächten ihre psychische Konstitution. Verfolgungsängste führten 1936 zu einem ersten kurzen Psychiatrieaufenthalt in Schleswig. Zeitgleich erhielt sie von den Nazis Schreibverbot. Zunehmende Verwirrungen und weitere Krankenhausaufenthalte folgten.

Ab 1940 arbeitete Lene Voigt in Leipzig wieder als Buchhalterin in diversen Verlagen. Ihre Hoffnung auf Anerkennung nach 1945 erfüllte sich leider nicht. Sie wurde in der DDR totgeschwiegen. Schriftgut im sächsischen Dialekt war nicht erwünscht. Lene Voigt war erneut ab Juli 1946 mehrere Monate in der Psychiatrie und lebte nach der Entlassung im folgenden Februar wieder „draußen“. Nach der Aufnahme im Juli 1949 blieb Lene Voigt freiwillig in der Psychiatrie Leipzig-Dösen. Die Adresse des Bezirkskrankenhauses war ab diesem Zeitpunkt auch die ihrige. Sie machte sich als Buchhalterin nützlich und später als Botin. In Stenoheften dichtete sie fleißig weiter. Ein Kinderarzt schrieb über die damals 64-Jährige: „Daneben hat sie auch zahlreiche Gedichte von Schiller und Goethe ins Sächsische übertragen –, nein, nicht übertragen, sondern mit dem ihr eigenen Humor geändert oder ergänzt.“ 1962 starb Lene Voigt. Auf dem erst Jahrzehnte später aus Spenden gesetzten Grabstein finden sich Zeilen aus einem ihrer berühmtesten Gedichte: „Was Sachsen sin / von echtem Schlaach / die sin nich / dod zu griechn …“

1989/90 wurde die Lene-Voigt-Gesellschaft gegründet. Sie organisiert Lesungen und verleiht in Vortragswettbewerben die „Gaffeeganne“ und das „Gaggaudebbchen“. Es wurden ein Park, eine Straße und eine Mittelschule nach ihr benannt.

Heike Oldenburg

 

Nu grade

1928

Wie oft geht uns was schief im Lähm.
Doch därf mer das so schwär nich nähm
un jammern laut: »Wie schade!«
Ärscht rächt schbornt das de Gräfte an,
un frisch befeiert ruft mer dann:
»Nu grade!«

Wenn alles glabbte in dr Welt,
so wie mer sich’s hat vorgeschtellt,
‘s wär mit dr Zeit rächt fade.
Aus Hindernissen schbät un frieh
wächst frehlich-fräche Enerchie.
»Nu grade!«

Gemeene Mänschen reich an Zahl
dräächt unsre Erde nu eemal
in jederlei Formade.
Doch jedes Been, das mir geschtellt,
das bracht mich weiter uff dr Welt.
»Nu grade!«

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