Maria Callas und der helle Wahnsinn bei Donizetti

Wahnsinn ist in der Kunst – Literatur, Malerei wie Musik – immer wieder Thema gewesen. Ich möchte hier ein Beispiel aus der Musik darstellen. Opern zu verstehen ist besonders schwierig. Das liegt neben der häufigen Unverständlichkeit des gesungenen Textes daran, dass mensch oft die historischen Zusammenhänge und Bedeutungen nicht kennt. Natürlich lässt sich wunderbare akustische Verwöhnung auch ohne Hintergrundwissen einfach so genießen – pur! Dennoch möchte ich hier eine italienische Bel Canto-Arie, also schöner Gesang, mit „wahnsinnigem“ Inhalt näher erläutern. Von 1985 gibt es eine Zusammenstellung von insgesamt sieben „Verrückten Szenen und Bel Canto Arien“, die Maria Callas bis dahin gesungen hatte.

Maria Callas´ besonderes Verdienst in der Musik liegt in der Wiederbelebung der Belcanto-Opern Rossinis, Donizettis und Bellinis. Sie strebte sehr nach gesangstechnischer Perfektion, war nie ganz zufrieden. Daneben besaß sie außerordentliche Musikalität, ihre Darstellungskraft und Verwandlungsfähigkeit beeindruckten. Maria Callas gilt bis heute als unerreichte „Primadonna assoluta“ des 20. Jahrhunderts.

Die Künstlerin

Die edle Sängerin, die im Dezember 1923 in New York geborene Griechin Maria Callas, hatte keine einfache Kindheit. Zuerst soll die Mutter das Kind – da kein Sohn – bis vier Tage nach der Geburt nicht angesehen haben. Als sie merkte, dass das Kind gut singen konnte, wurde die Tochter schon mit fünf Jahren zu dauerndem Üben angehalten. Ab 1937 studierte Maria Callas am Konservatorium in Athen „als pummelige und bebrillte Schülerin“ Gesang. Ihre ältere Schwester war schlank und hübsch und sie das Gegenteil. „Es ist eine grausame Sache, ein Kind sich hässlich und ungewollt fühlen zu machen.“ (O-Ton Callas).

1949 heiratete Maria Callas den italienischen Unternehmer Giovanni Meneghini und nahm dessen Staatsbürgerschaft an. Zwei Jahre später wurde die Sopranistin der Weltklasse schlagartig durch ihren Auftritt in Mexiko bekannt. In der Saison 1953/54 nahm sie ca. 30 kg ab, nachdem ihr Körpergewicht fast 100 kg erreicht hatte. Sie soll gezielt einen Bandwurm geschluckt haben. Ihre Liebesaffäre mit Aristoteles Onassis führte zu beider Scheidung, jedoch ehelichte er dann Jacqueline Kennedy. Offensichtlich hatten Maria Callas und Onassis gemeinsam einen Sohn, der jedoch 1960 kurz nach der Geburt verstarb und von ihnen verheimlicht wurde.

In ihren Singakten gab Callas immer alles. Ihre Karriere war bereits in den 60er Jahren beendet, als sie gut 40 Jahre alt war. Sie hatte sich zuvor regelmäßig zu stark verausgabt. Daher fehlte ihr später die innere Kraft für den außergewöhnlichen Ausdruck, den mensch von ihr gewohnt war. So tief in die Lieder hinein zu gehen – das WAR Wahnsinn! Und eben auch hell in gewisser Weise.

1977 starb Callas mit nur 54 Jahren in Paris. Ihre Asche wurde vor der griechischen Küste verstreut.

Anne Boleyn – Anna Bolena

Die hier interessierende Arie aus der Oper „Anna Bolena“ wurde von Gaetano Donizetti (1797-1848) komponiert und 1830 uraufgeführt. Das Stück befasst sich mit dem tragischen Geschick von Anne Boleyn, der zweiten der sechs Ehefrauen des Königs Heinrich VIII. von England. Die Aufführung leitete den Beginn der Karriere des Komponisten ein.

1526 hatte sich Heinrich VIII. in Anne Boleyn verliebt, eine Hofdame seiner Gattin Katharina von Aragon. Als diese Ehe endlich geschieden werden konnte, fand die heimliche Heirat mit Anne Boleyn statt. Doch auch sie gebar ihm, wie Katharina, „nur“ eine Tochter, die künftige Elisabeth I. Ihre weiteren Totgeburten bedrohten König Heinrich VIII. emotional und in der Thronnachfolge. Da der König seine angetraute Ehefrau Anne legal nur durch eine Verurteilung zum Tode loswerden konnte, wurden Intrigen von mehreren Seiten gegen sie geschmiedet. Die ihr vorgeworfenen Delikte wurden dem Ziel entsprechend gewählt: Inzest mit dem Bruder, mehrfacher Ehebruch und Mordpläne am Ehegatten. Sie hatte zu einem ihrer angeblichen Liebhaber einmal unbedacht gesagt: „… wenn dem König etwas zustieße, würdet Ihr mich haben wollen.“ Dies musste als Beleg herhalten.

Wenige Tage nach Annes Verhaftung wurden die vier potenziellen Liebhaber festgenommen. Sie wurden alle – nur aufgrund von Verdacht – hingerichtet. Obwohl auch keine der Anschuldigungen gegen Anne bewiesen werden konnte, wurde sie im Mai 1536 in London geköpft – durch einen extra importierten französischen Star-Henker mit dessen Spezial-Schwert.

Die Oper

In der Bel Canto-Oper wurden die Rollen der Realität dramatisiert. Der Ex-Geliebte wird Percy genannt, der Bruder Rochefort. Anna singt im ersten Teil der Oper sehr romantisch: „Führe mich zu dem Schloss meiner Geburt, zu den grünen Platanen am stillen Bach, der von unseren Seufzern noch widerhallt.“ Während Rochefort, Percy und Smeton an ihr vorbei geführt werden, wandelt sie zwischen Wahnsinn und Klarheit hin und her. Die drei Männer gönnen ihr die „Verwirrtheit“ als Schutz: „Soll sie nur träumen, barmherziger Himmel, möge ihre Seele aufsteigen zu dir!“ Wie mensch dieser künstlerischen Verarbeitung des Phänomens Wahnsinn zu dieser Zeit anmerkt, wurden psychotische Zustände noch als sinnbehaftet angesehen. Es gab das Wort Psychose noch nicht einmal, nur die Bezeichnung Psyche ist zunächst als Name eines schönen, jungen Mädchens in der griechischen Mythologie seit dem 17. Jahrhundert belegt.

Später sind im Verlauf des Gesangsstücks Kanonendonner und Glockengeläut zu hören, die die Heirat König Heinrichs VIII. Mit der Nachfolgerin Jane Seymore andeuten. Anna resigniert in wachsendem Wahnsinn: „Zur Vollendung des Verbrechens fehlt nur noch Annas Blut, und es wird fließen.“ Sie vergibt – ganz Frau, aber auch ganz erwachsen den Realitäten ins Auge sehend: „Ruchloses Königspaar, die furchtbarste Rache beschwöre ich nicht in dieser Schreckensstunde; in das offene Grab, das mich erwartet, steige ich mit Vergebung auf den Lippen.“ Durch diesen inneren Schritt erhofft sie sich Huldigung von Gott. Hierauf wird sie ohnmächtig.

Der Autor

Es ist im Nachhinein interessant, dass am Beginn der Karriere des Musikers Gaetano Donizetti ein Stück stand, welches Wahnsinn zum Thema hatte. Für die Nachwelt mag dies wie ein böses Omen für den Produzenten selbst wirken: Er entwickelte ab 1843 aufgrund einer Syphilis-Erkrankung schwere geistige Beeinträchtigungen und musste schließlich für mehrere Jahre im Irrenhaus Ivry, Paris, untergebracht werden. Er starb 1848.

Heike Oldenburg

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