Klaus Pramann – „Keiner wusste, wie es gehen soll.“

Über 30 Jahre lang nutzte die „Städtische Nervenklinik“ Bremen das ehemalige Kloster Blankenburg, um „Geistig Behinderte“, Menschen mit chronischen psychischen Gesundheitsproblemen und Süchtige wegzusperren. Im Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1975 wurde festgestellt, dass (zu) viele „in den stationären Einrichtungen unter elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben“ müssen. Dies führte zu dem Beschluss, in Bremen im Rahmen eines bundesweit einzigartigen Modellprojektes eine Langzeitpsychiatrie aufzulösen. Kloster Blankenburg war ein in sich stabiles System, aus dem kaum auszubrechen möglich war. Nach 1968 wurden die Chancen für überfällige Verbesserungen besser. „Die Zeit war reif“ (W. Wagner). Es gab viele einzelne, sehr bewegte und engagierte Menschen, deren Aktivitäten schneeballartig und ansteckend zu mehr und besserer Gemeinschaft führten. Die Vernetzung von Einzelpersonen in absolut offenen Netzwerken bedeutete gute Vorarbeit, um diesen historisch günstigen Zeitpunkt vorzubereiten. Hier nun das Auftreten unseres Sozialpsychiaters Klaus Pramann.

Klaus Pramann wurde 1946 bei Herford geboren. Schon seine Eltern vermittelten ihm ein ausgeprägtes Gefühl für Solidarität und die Achtung der Menschenwürde. 1965/66 arbeitete Pramann als Kriegsdienstverweigerer in Bethel. Das bedeutete zu der Zeit, dass er mit 20 Jahren und ungelernt allein für zwölf PatientInnen auf einer Station verantwortlich war. Diese Erfahrung führte dazu, dass er sich in der Folge für ein Medizinstudium entschied.

In Schleswig fand Pramann im Jahr 1976 eine Stelle als Assistenzarzt. Ein jeder solcher hatte zu der Zeit eine Aufnahme- und eine Langzeitstation zu betreuen. Für Pramann war dies u.a. die Station 5/2. Bei der Einführung in seine Arbeit wurden die PatientInnen wie Objekte vorgeführt („Ziehen Sie mal Ihr Hemd aus!“). Für Pramann war sofort klar: „Hier wird jedeR nur zum Objekt gemacht, das geht nicht.“ Der neugegründete „Mannheimer Kreis“ und die „Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie“ (DGSP) wurden sehr wichtig für ihn als geistiger Hintergrund sowie als Unterstützung dabei, die schlechten Verhältnisse vor Ort offenzulegen. Pramanns Aktivitäten, u.a. die Herausgabe der PatientInnen-Zeitung „Der Ausblick“, führten dazu, dass er strafversetzt wurde. Er war in Zukunft nur noch für die Station 5/2 verantwortlich.

Der Ausblick“ wurde überwiegend von der Klinikleitung eingesackt. Es gelang jedoch, den Rest in der Stadt zu verteilen und so der örtlichen Zeitung zugänglich zu machen. Die Veröffentlichung der Zustände in der Psychiatrie Schleswig führte zu einem Skandal. Das Sozialministerium drohte einen Prozess anzustrengen und argumentierte mit dem Presserecht: Entmündigte dürften nicht schreiben. Die Strafandrohung betrug zwei Jahre Haft oder Geldstrafe. Diese „Drohung“ führte bei Verkündigung unter den InsassInnen der Station 5/2 zu einem „Riesengejohle“ – was könnte denn noch schlimmer sein als hier eingesperrt zu sein?? „Der Ausblick“ wurde subversiv weiter produziert und zwar mit steigernder Auflage. Dies führte zu einer weiteren Strafversetzung, und zwar auf die Geriatrie. Pramann musste sich in der Folge wieder in ein Arbeitsfeld, die Altersmedizin, neu einarbeiten.

Inzwischen war Pramann als Vorstand in der DGSP tätig, daher war er relativ bekannt. Durch diese Tätigkeit wusste Pramann auch über die Verhältnisse in der Bundesrepublik recht gut Bescheid. Auf der Tagung 1979 in Freiburg mit dem Titel: „Therapie, Hilfe, Ersatz, Macht?“ wurde mit knapper Mehrheit der Beschluss gefasst, dass die DGSP als Ganzes die Auflösung der Psychiatrie befürwortet.

Im März 1981 hatte das Krankenhaus in Schleswig „genug“: Pramann wurde entlassen. Die vier angeführten Gründe waren: Mitgliedschaft in der DGSP, die PatientInnen-Zeitung, sein Eintreten für die Auflösung der Psychiatrie. Weiters sei eine Kooperation mit ihm nicht möglich. Seine Personalakte hat Pramann als Bewerbungsunterlage für die ausgeschriebene Arztstelle in Blankenburg mitgeschickt.

Bereits ein halbes Jahr später war Pramann als Arzt neben sieben weiteren „Enthospitalisierern“ in der sogenannten „Schlangengrube“ angestellt. Pramann: „Keiner wusste, wie es gehen soll.“ In der Station 1 wurde ein „Sozialraum“ eingerichtet, in dem 16 MitarbeiterInnen 18 PatientInnen auf den Umzug nach Bremen vorbereiteten. Jedoch keiner wollte die 300 InsassInnen aus Blankenburg übernehmen, alle Beteiligten standen sehr unter Druck. Es gab drei Selbstmorde während dieser Zeit.

1982 gründeten Pramann und sechs weitere in Bremen die „Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V.“. Bereits zu dieser Zeit lag ein Schreiben der Klinikleitung vor, dass Einrichtungen für „Geistig Behinderte“ geschaffen werden müssen. Es war schnell erkennbar, dass das Modellprojekt nur benutzt wurde, um die Ex-InsassInnen neu einzuteilen und auf Wohnungen zu verteilen. Der ursprünglich von Klaus Pramann gewünschte italienische Weg: „JedeR kann wohnen, wie sie/er will, nur die notwendigen Hilfen dafür müssen her.“ wurde nicht umgesetzt.

Von der „Ini … e.V.“ wurde in der Travemünder Straße in Walle ein altes Süßwarenlager umgebaut und erweitert. In Blankenburg wurde ein neuer Oberarzt eingestellt. Dieser verbot die Karawanenvorbereitung (O-Ton Pramann: „Jeder, der aufs Gelände kam, sollte sich persönlich bei ihm vorstellen.“). Die weitere Verteilung der BewohnerInnen aus Blankenburg auf die fünf Bremer Sektoren ging vor sich. AWO, ASB, Innere Mission und Freie Christengemeinde übernahmen je 40-60 Menschen. Die „Ini … e.V.“ verstand sich als Alternative zu diesen Einrichtungen.

Die erste Blaue Karawane fand 1985 statt. Es ging von München aus zusammen mit dem Blauen Pferd Marco Cavallo, dem berühmten Symbol der Triester Anstaltsauflösung, und den Bremer Stadtmusikanten aus Pappmaché durch neun psychiatrische Anstalten in Deutschland. Pramann hat teilgenommen. Nach dem Ende gab es erneut eine Strafversetzung für ihn, diesmal ins Haupthaus der Psychiatrie nach Bremen-Ost.

Da es „schwierig (sei) in einem System zu funktionieren, das man ablehnt und von dem man weiß: ´Hier kann ich nichts verändern.´“, übernahm Pramann 1989 eine Praxis in Bremen-Walle. In seinen Augen habe die Verkrustung der „Ini … e.V.“ schon Ende der 80er Jahre begonnen. Die Interessen der BetreuerInnen traten zunehmend in den Vordergrund. Aus dem Vorstand der „Ini … e.V.“ sei er circa Mitte der 90er Jahre ausgeschieden.

Was hat es alles gebracht?

Heute ist Klaus Pramann nicht zufrieden mit der Entwicklung seit 1980. Das Wachsen „neuer Mauern“ – sogar mit Mitteln des Reformprogramms – sei nicht verhindert worden. Zwar gebe es in Bremen die fortschrittlichste Psychiatrie aller Bundesländer. Sein Ziel war weniger Psychiatrie, nicht eine bessere Psychiatrie. Sicherlich ist das Leben in der Anstalt heute angenehmer, aber Behandlungszentren, BetreuerInnen und Institutsambulanz schieben sich gegenseitig die PatientInnen zu. Die drei System-AkteurInnen agierten wie ein verlängerter Arm der Klinik und hätten ein institutionelles Eigenleben. Zwar ist die Gesamtpsychiatrie heute dezentraler, aber O-Ton Pramann: „Die Psychiatrisierung ist wie ein Pudding in die Gemeinde rübergeschwappt“. Immer noch finde eine Psychiatrisierung bei einer auftretenden Krise statt. Das Feld der Aufgaben werde immer breiter, Arbeitslose und AsylbewerberInnen werden mit dem Versprechen auf Hilfe in das psychiatrische System gebracht. Gesellschaftliche Probleme werden per Stempel/Diagnose zunehmend individualisiert.

Alle Unterbringungsformen zusammengenommen, gibt es heute insgesamt mehr Betten als früher für psychiatrisierte Personen. Die Angebote für psychiatrische Dienstleitungen sind mehr und mehr marktorientiert. Die Tendenz zur Privatisierung sowie Immobilieninteressen haben dazu geführt,

dass die Bettenbelegung wichtiger ist als alles andere. Sozialpsychiatrie hätte konsequenterweise in verstärkter Sozialraumorientierung münden müssen.

In der Gesamtgesellschaft seien Exklusion und zunehmendes Auseinanderdriften zu beobachten. O-Ton Pramann: „Das könnte sich alles gemischter entwickeln.“ Auf der anderen Seite fänden immer mehr Menschen keinen Platz im Arbeitsleben mehr. Interessierte an Alternativen wie der Blauen Karawane u.a. gebe es immer mehr. In allen Bereichen sei ein zunehmendes Gemisch professioneller Arbeit mit Ehrenamtlichen zu finden. Es gibt übrigens keine überregionale blaue Bewegung. Die einzelnen Projekte sind sehr auf Unabhängigkeit bedacht. Bekannt ist mir der „Blauschimmel“ in Oldenburg. Das Wort „blau“ wird häufig in Projektnamen verwendet.

Der Blaue Gedanke“/Die Karawane beschreibt Klaus Pramann als „lebensnotwendig“, als „raus aus dem Gefängnis“, hin zu „Flüssen/Luft/Himmel“. Es sei „spannender, in der Richtung was zu tun als in die andere Richtung mitgeschwommen zu werden“. In diesem ganzen Auflösungsprozess mitgewirkt zu haben sowie weiterhin ein Teil der Blauen Karawane zu sein, sind und bleiben wesentliche Bestandteile seines Lebens.

Heike Oldenburg

März 13

Schreibe einen Kommentar